Zauberland ist abgebrannt…

Offener Liebe(s)brief an Thorsten Merten


Lieber Thorsten Merten,

dies ist ein offener Liebe(s)brief an dich. Stellvertretend. Symbolisch.

Als ich dich jüngst sah, in einer riesigen Villa, schienst du so weit weg. So distanziert. Schade. Dennoch musste ich herzhaft lachen.
Vielen ist das Lachen in diesem Land abhanden gekommen. Sogar der Humor, der ja bekanntermaßen auch da beginnt, wo der Spaß endet. Gefühlt wird alles immer enger, obwohl die meisten doch brav Abstand halten.

Jedenfalls: Danke, dass du bei der Künstleraktion #allesdichtmachen #niewiederaufmachen #lockdownfürimmer​ mitgemacht hast.

Mein erster Gedanke war: „Endlich!“

Lieber Thorsten, ich schreibe dir, weil ich dir schon oft begegnet bin. Leibhaftig. Wir sind verbunden. In erzähl‘ einfach mal:

In der Theaterklause im Schweriner Staatstheater hast du einmal ganz dicht neben mir gestanden. Ich trank schwarzen Tee und hab vor „lauter Schreck“, dir so nah zu kommen, mit Sicherheit irgendwas Konfuses in mein Notizbuch geschrieben. Meine Tochter Caroline war auch dabei. Ihretwegen haben wir uns damals immer in die Klause geschlichen, sind über den Künstlereingang irgendeinem Musiker mit schwerem Gepäck hinterher. Meine Tochter war theaterbesessen, musst du wissen. Dafür hat sie schon mit 12 Jahren alles stehen und liegen lassen. Eure Matinee „MfG“ im E-Werk hat sie wohl sechs oder sieben Mal besucht. Die Musik-CD dazu hat sie noch. Sie war damals 13.
Wir haben dich als Randle Mc. Murphy in „ Einer flog über das Kuckucksnest“ beklatscht, in „Sonnenallee“ (Beitragsbild) gefeiert und bei deinem Konzert zusammen mit dem großartigen John Carlson glühte nicht nur mein Herz. Ich weiß, du magst Rio Reiser sehr. Und keiner kann ihn so authentisch interpretieren. Es bleibt unvergesslich. „Zauberland ist abgebrannt….“

Jahrelang waren wir bei jeder Premiere dabei, bei jeder. Wir haben die Inszenierungen von Peter Dehler geliebt, gefeiert, analysiert, genossen, geatmet. Wir kannten damals jeden im Ensemble: Katrin Huke, Jörg Zirnstein, Markus Wünsch, Jochen Fahr…. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Für manche hatten wir Spitznamen. Du warst für uns immer „Thorsti“, der „mit dem Schnuffeltuch“. Das hat mit der Inszenierung „Solo Sunny“ zu tun. Irgendwie hattest du da so ein Tröste-Tuch…. ??? Ich sehe die Szene noch. Genaueres hab ich vergessen. Herrgott, du hast uns so leid getan, weil Sunny deine Liebe nicht erwidert und dir die Rosen vor die Füße geworfen hat. Weißt du noch? Caro und ich haben uns im Zuschauerraum zugeflüstert, dass du nicht traurig sein musst, wir würden dich beide nehmen. Grins! Tja, so läuft das manchmal im Publikum.
Tatsächlich war das Staatstheater Schwerin damals ein wahrhaftiges Stück Heimat für uns. Sinnbildlich. Ich kann diese Abende noch immer fühlen: die Aufregung im Vorfeld (Parkplatz suchen), die Stufen zum Eingang, die schweren Türen, das Stimmengewirr im Foyer, das kleine Theaterlädchen, kühler Martini in der Pause, das Klingeln, der Vorhang. Balsam für Geist und Seele, schon lange bevor das Stück überhaupt angefangen hatte. Auch erinnere ich das Ruckeln der Stuhl-Konstruktionen im rustikalen E-Werk, wenn man in die oberen Reihen balancierte. Dort war freie Platzwahl und man musste schnell sein. Wir haben gern ganz vorn gesessen – je näher, desto besser. Jetzt, da ich so zurückschaue, kann ich mich sogar noch an die älteren Damen erinnern, die die Karten abrissen. Irgendwie waren die immer sehr streng. Alles musste seine Ordnung haben beim Einlass.  Manchmal machten sie auch einen Witz, der so witzig gar nicht war. Aber weil sie ja sonst immer so streng waren, war es sehr lustig. Und es versprach dann schon am Eingang ein besonderer Abend zu werden. Tja, das ist lange her: 2003, 2004…. In einem Land vor unserer Zeit.
Und doch wirkt es bis heute.

Lieber Thorsten Merten, du hast sicher keine Ahnung, wer ich bin – oder meine Tochter. Die ist heute übrigens 31 und freischaffende Filmemacherin in Berlin. Fast würde ich meine Hand ins Feuer legen, dass sie nicht wäre, was sie ist, nämlich Künstlerin, wenn es dich, Peter Dehler, das Theater und viele andere Kulturschaffende nicht gäbe.

Kunst und Kultur sind Lebenselixier.
Es wirkt unmittelbar, bewusst, unbewusst und nachhaltig. Nicht zwanghaft für jeden. Das ist nicht meine Behauptung.
Doch um als wahrhaftige Menschen unser Haupt zu heben, brauchen wir Inspiration und Begleitung.
Sich geistreiche Räume zu erobern – ob in der Musik, im Schauspiel, in der Malerei, im Tanz, in der Dichtung oder Bildhauerei – kann Wunder wirken. Natürlich bleibt es eine persönliche Entscheidung, Kunst und Kultur(volles) zu mögen und zu unterstützen. Doch der Möglichkeiten und ihres freien Ausdrucks dürfen wir uns nicht berauben lassen. Niemals. Never. Nein.

Lieber Thorsten Merten, schön, dass es dich gibt. Danke. Auch dafür, dass du dich einreihst in den Kreis derer, die sich nicht nehmen lassen, was sie sind oder künftig werden wollen: Offen. Mutig. Frei.

Grüße und Dank an die vielen anderen.

Habe die Ehre

Ina


Foto: Rolf Ahlborn

Lockdown-Kreativität

Für mich ist es in diesen anstrengenden Zeiten wunderbar beruhigend mit Naturmaterialien zu arbeiten. Es erdet mich, wenn mir beim Werkeln zu Hause der Geruch des Waldes in Nase steigt. Kein Waldspaziergang ohne volle Taschen. Ob Zapfen, Zweige, Blütenstände oder Moos – alles wird in meiner kleinen Kreativwerkstatt (Wohnzimmertisch 😁)  in Vasen, Schalen oder Tüten arrangiert und kombiniert. Ob im eigenen Garten, im Deister oder im nahen Stadtwald Eilenriede, überall entdecke ich wahre Schätze. Auf unserem Balkon stapelt sich buntes Laub neben Rindenstücken, Wurzeln und Beeren. Oft bin ich so im Flow und kann meine Hände nicht ruhen lassen. Dann träume ich nachts von Ideen und werkel fast wie getrieben schon morgens um 8 Uhr zu Croissant und Frühstückskaffee. (*Zeit* Die wenigen Vorteile des Lockdowns.)

Manchmal krabbelt noch ein Käfer aus dem Moos über den Tisch, der dann auf den Balkon ausgesetzt wird. (Ich staune oft, wie lebendig selbst totes Holz oft noch ist. Da verstecken sich jede Menge Bewohner.)

Etwas mit eigenen Händen zu schaffen, sich kreativ zu betätigen hat eine heilende Wirkung auf mich. Ob ich mit dem Fotoapparat unterwegs bin, mit Farben experimentiere, Leinwände bekleckere oder als Gärtnerin in Erde wühle…… es entsteht ein immer ähnlich gutes Gefühl. Ich fühle mich dann mit mir selbst verbunden, konzentriert im Geist, gleichzeitig ein wenig aufgescheucht und chaotisch und doch gelassen, weit und frei. Eine krasse Kombi. Schwer in Worte zu fassen. Vielleicht fühlen sich so Schöpfer/innen beim Üben.

Meine Lieblings-Bastel-Pflanze im Herbst/Winter ist übrigens die Amaryllis. Welch ein kraftvolles Wunder, wenn diese Pflanzen von einer unsichtbaren Kraft getrieben ihre fleischigen grünen Stengel aus der Knolle schieben und Tag für Tag in aller Stille in die Höhe wachsen, um schließlich wunderschöne Blüten zu entfalten. Mich fasziniert diese Transformation von  der unscheinbaren langweiligen Knolle zu einer wahren Blüten-Queen.

Übrigens: Die ersten Amaryllis stammen wahrscheinlich aus Brasilien. Die Pflanze wurde erstmals um das Jahr 1800 in Europa kultiviert, der Name der Pflanze ist dem altgriechischen Wort „amarusso“ entlehnt, das sich mit funkeln, strahlen übersetzen lässt.

An dieser Stelle übrigens ein herzliches Dankeschön nach Österreich an meinen Lieblingskanal #11a90%. Dort tanke ich regelmäßig Creatives- Bewusst-Sein. Wer mag, schaut dort mal vorbei: 

https://www.youtube.com/channel/UCuMvVY0LbUjqCLm7YOEbDjw

 

Osho, me and Pandemie

Ich weiß nicht mehr genau, wann und wie ich Osho für mich entdeckt habe. Ist sicher 25 Jahre her. Zu seinen Füßen habe ich nie gesessen. Er hatte seinen Körper längst verlassen als ich seine Bücher verschlang. Dafür bin ich seinerzeit vielen Sannyasins begegnet, die meinen Weg bereichert haben. Jörg Andrees Elten ist einer von ihnen. Wir haben uns in Stellshagen kennengelernt. Elten hatte zehn Jahre in Poona (Indien) in Oshos Aschram gelebt. Zuvor hatte er als Journalist für die Süddeutsche Zeitung gearbeitet und war später einer der gefragtesten Reporter beim „Stern“. Seine Karriere und mehr hatte er für seinen neuen Weg an den Nagel gehängt. Andy Elten war gut. Eine Edelfeder. Ich habe einiges von ihm gelernt. Über Journalismus, die Kraft des Wortes, Selbstreflexion und Stille. Ich habe das Jahr vergessen (2003?), aber als ich selbst noch als Journalistin in Wismar gearbeitet habe, organisierte ich einen Abend mit ihm im dortigen Verlagshaus.

Als verantwortliche Redakteurin des Ostsee-Anzeigers, wie sich ein Blatt des Hauses nannte, hatte ich etwas Budget und eine gewisse Narrenfreiheit. Beides ließ ich in eine Veranstaltungsreihe fließen, die ich selbst erfunden hatte. „Kultur im Foyer“. Dorthin lud ich Musiker, Schauspieler und Autoren ein. Dass nun auch ein „journalistischer Osho-Jünger“ kam, fand ich witzig, schräg und rebellisch. Der Eintritt war für Besucher kostenfrei, dennoch war ich bis zum Schluss nicht sicher, ob überhaupt und wie viele Leute kommen würden. Wer interessiert sich schon für Karma, Meditation, Ego, Schicksal und so „Kram“?! — „Egal, und wenn es drei Nasen sind, die auftauchen“, dachte ich damals. Es kamen 70!!!

Nie zuvor (und ich schätze mal auch danach) waren so viele Menschen im Pressehaus der Ostsee-Zeitung in Wismar versammelt. Das Foyer quoll fast über. Die Menschen waren neugierig und meiner Einladung gefolgt. Jürgen Cremer hat Wein (viel Wein) ausgeschenkt und Andy hat erzählt. Für mich eine der wertvollsten Erinnerungen – persönlich auch im Sinne von: „Auch wenn du zweifelst, dass es funktioniert – mach’s einfach!“ Ich hatte Andy Elten irgendwann einmal gebeten, mir in eines seiner Bücher eine persönliche Widmung zu schreiben. Es waren nur drei Worte: „Nur Mut Ina!“ Jo, Andy, den brauche ich. Zunehmend. Es ist so, ich spüre neben Ungeduld, Zorn, Unsicherheit und Verzweiflung in diesen Tagen zunehmend eben jenen Mut sowie heilige Freude und Dankbarkeit. Für alles, was mir das Leben in und auf die Wege gelegt hat. Und auch dafür, was ich daraus gemacht habe. Ohne K(r)ampf – vielmehr mit närrischer Freude und viel Liebe zu offenen, kreativen Menschen. Ich vertraue mir, meinen inneren Instrumentarien, meiner inneren Weisheit, meiner Verbundenheit zu jener Dunkelheit, die sich tief aus der Erde und aus dem Wurzelwerk der Ahnen speist. Und ich vertraue meinem Licht. …. welches mir übrigens mit jedem Tag mehr aufgeht. Ich liebe diese aufregenden Zeiten, auch wenn ich angesichts vieler Tendenzen zunehmend in den Schrank kotzen könnte. Widersprüche sind erlaubt. Da ich diese Zeilen mit Osho begann, werde ich hier im Anschluss ein kleines Statement von ihm setzen, was er schon in den 80-er Jahren zum Thema Pandemie zu sagen hatte. Enjoy

Osho:

Wie vermeide ich Pandemie?” – diese Frage wurde Osho vor etwa 40 Jahren während der Aids-Zeit gestellt!

„Du stellst die falsche Frage“, erwiderte Osho, „die richtige Frage sollte lauten: „Wie kann man die Angst vor dem Sterben vermeiden, die durch die Epidemie (Pandemie) verursacht wird?

Weil es sehr einfach ist, das Virus zu vermeiden, ist es sehr schwierig, die Angst in Dir und in der Welt zu vermeiden. Menschen werden mehr an dieser Angst sterben, als an der Epidemie (Pandemie). Es gibt KEIN Virus auf dieser Welt, das gefährlicher ist als ANGST.

Verstehe diese Angst, sonst wirst du ein toter Körper, bevor dein Körper stirbt. Es hat nichts mit dem Virus zu tun. Die gruselige Atmosphäre, die Du in diesen Momenten fühlst, ist kollektiver Wahnsinn …

Es ist schon tausendmal passiert und wird auch weiterhin passieren. Und es wird weitergehen, wenn Du die Psychologie von Menschenmengen und Angst nicht verstehst.

Normalerweise hältst Du Deine Angst in Schach, aber im Moment des kollektiven Wahnsinns kann Dein Bewusstsein völlig verloren gehen. Du wirst nicht einmal wissen, wann Du die Kontrolle über Deine Angst verloren hast. Dann kann Angst Dich dazu bringen, alles zu tun. In einer solchen Situation kannst Du Dir auch das Leben nehmen oder das Leben anderer.

In den kommenden Zeiten wird so viel passieren: Viele Menschen werden sich selbst töten, und viele Menschen werden mehr töten.“

Sag Ja zum Nein

Die Basis eines guten Selbstwertgefühls ist die Fähigkeit, nein zu sagen, wenn wir nein meinen. Selbstliebe und die Liebe zu anderen beginnt mit der Kunst der gesunden Abgrenzung, denn das Nein zu dem, was für uns nicht stimmt, ist das Ja zu uns selbst. Ich habe am Wochenende eine ganz und gar unvollständige Nein-Liste (Download hier oder siehe im Anschluss an den Beitrag) zusammengeschrieben, die meine Leser inspirieren möge. Wozu? Nicht zu allem „Ja und Amen“ zu sagen. Du kannst die Liste kürzen, erweitern, umschreiben. Nimm dir, was zu dir passt. Den Rest hau‘ hinten rüber. Die Frage “Ich oder der andere zuerst?” braucht nämlich eine entschiedene Antwort –  ansonsten können wir jeden echten persönlichen Fortschritt vergessen, egal wie wir uns sonst ins Zeug legen, in uns „putzen und aufräumen“. Ganz einfach, weil in dieser Antwort unsere eigene Kraft liegt. Entweder wir nehmen sie zu uns oder wir geben sie ab. Je mehr wir auf Bestätigung im Außen schielen, je mehr wir anderen die Macht zugestehen, darüber zu entscheiden, ob wir doch irgendwie ok und liebenswert sind, desto schwächer und ohnmächtiger fühlen wir uns. Unser Potential ist gebunden. Erst, wenn wir das Nein gleichberechtigt und bewusst integriert haben, spüren wir wieder ganz konkret, wo zum Beispiel Rücksicht angebracht ist oder Rebellion oder Sinn für Humor oder lebendiger Zorn oder wo hundert Prozent Gradlinigkeit den anderen vielleicht überfordern würde. Ja, dann erst fühlen wir wahrhaft mit. Wer ohne Scham, Schleimerei und schlechtes Gewissen nein sagen kann, muss sich nicht mehr verbiegen. Er ist in Kontakt mit sich und seiner inneren Wahrheit und Würde. Einer meiner wichtigsten Sätze, die ich in den letzten 24 Stunden gelesen habe, lautet: “ Integrierte Aggression ist einfach Klarheit.“ Warum er für mich so wichtig ist? Weil immer, wenn ich mich verbogen habe – aus Angst, nicht zu genügen oder andere zu enttäuschen – sich früher oder später Frust und Aggression durch mich manifestiert haben. Ich wurde unzufrieden, launisch und wütend, habe verletzende und grobe Sachen gesagt, nicht mehr zugehört, Türen geknallt, Sachen zerschmissen und gehörig Dampf abgelassen. Heute weiß ich, dieser Dampf waren all die faulen Kompromisse, denen wohl jeder Mensch auf seinem Weg begegnet. Es waren all die verpufften Gelegenheiten zur Selbstliebe. Die einen reagieren mit Dampf, andere mit Rückzug und Depression. Manche Menschen lachen, wenn ihnen eigentlich eher zum Heulen zumute ist und wieder andere ziehen sich gewohnheitsmäßig Alltagsdrogen rein… Wir alle haben Mittel und Wege gefunden, die Leere in unserem Inneren zu kompensieren. Hingegen immer dann, wenn wir eine klare Entscheidung treffen, wenn wir uns quasi selbst definieren, Position beziehen, uns ausrichten…. weitet sich unsere Perspektive, unser Potential und unser Herz. Auch das bedeutet erwachen. Erwachen für den Weg der Heilung. Und wem das verbal schon zu heilig ist…. Es gibt einen herrlichen Spruch von Marc Allen, der einmal trefflich sagte: „Lass den Scheiß und mach, was dran ist!“ Fühlt sich gut an, oder?! Will sagen, ein authentisches Nein zu Blödsinn und Gewohnheit, kann enorm helfen, den Boden unter den eigenen Füßen wieder zu spüren. Nährboden. Endlich. Ja.

Meine (unvollständige) Nein-Liste

Was ich nicht mehr mache…

  • Mich abhetzen.
  • Morgens aus dem Bett springen. Ich lasse mir Zeit, die ich brauche, um den Tag ruhig und entspannt zu beginnen.
  • Ohne Haustiere leben.
  • Kompromisse schließen zu Lasten meiner Bedürfnisse, um mit jedem Frieden zu halten.
  • Fleisch essen.
  • Meinem kritischen Verstand alles glauben, was er mir als vermeintliche Wahrheit verkauft.
  • Mit Leuten streiten, die debattieren als Sport betrachten.
  • Meine Kreditkarten einsetzen, sofern ich die Abrechnung nicht vollständig zum Monatsende begleichen kann.
  • Etwas, was ich nicht mag oder brauche, bei mir zu Hause aufbewahren.
  • X-mal am Tag meinen Facebook-Account checken.
  • Den Mund halten, wenn jemand sich daneben benimmt.
  • Im Sommer Schuhe tragen, wenn barfuß laufen schöner ist.
  • Über Regen und schlechtes Wetter motzen.
  • Zu Events gehen, bei denen stundenlang nur sinnlos geschwatzt wird.
  • Klatsch tolerieren oder daran teilnehmen.
  • Aus Bequemlichkeit Fastfood essen, statt Zeit zu investieren, mir bewusst, ein gutes Mahl zu bereiten.
  • Mit schwierigen Lebenssituationen allein fertig werden.
  • Jemanden engagieren – sei es ein Anwalt, ein Arzt, ein Gesundheitsdienstleister oder was/wer auch immer, der mich respektlos behandelt.
  • Während der Mahlzeiten Telefonate annehmen.
  • Verbale Übergriffe von einem Vorgesetzten oder Mitarbeiter hinnehmen.
  • Zur Arbeit gehen, wenn ich krank bin.
  • Meine Meinungen für mich behalten, wenn sie mit denen der anderen im Raum nicht übereinstimmen.
  • Mir von sozialen Normen diktieren lassen, wofür ich mich interessieren sollte, sei es Kleidung, Essen, Kunst, Musik und dergleichen. Ich mag das, was ich mag.
  • Zeit in Beziehungen investieren, die nicht damit harmonieren, wer ich bin und wer ich sein will.
  • Nicht sinnvolle Verpackungen in Restaurants, Geschäften etc. akzeptieren.
  • Bücher, an denen ich die Lust verloren habe, zu Ende lesen.
  • Werbepost mit ins Haus nehmen (vor meiner Tür steht eine Papiertonne).
  • Mich verpflichtet fühlen, Zeit mit Familienmitgliedern oder Freunden verbringen, die sich für ein dauerhaft chaotisches, uninspiriertes oder langweiliges Leben entschieden haben.
  • Mich schlecht dabei fühlen, Nein zu sagen, wenn ein Nein das Beste für mich ist.
  • Im Geiste bei der Arbeit verweilen, wenn ich nicht arbeite.
  • Mir von Fernsehsendern vorschreiben lassen, wann ich meine Lieblingsshows ansehen soll (es gibt Mediatheken oder die Möglichkeit, Sendungen aufzuzeichnen).
  • Mein E-Mail-Programm auf den automatischen Empfang neuer Nachrichten einstellen. Ich entscheide, wann ich meine Mails bekomme.
  • Kleidungsstücke aufbewahren, von denen ich hoffe, dass sie mir „irgendwann“ passen.
  • Irgendwas wegwerfen, was recycelt werden kann.
  • Autos kaufen, die nicht treibstoffsparend sind.
  • Zeit mit Leuten verbringen, die zu mir reden statt mit mir.
  • Die Gefühle anderer wichtiger nehmen als meine eigenen.
  • Diskutieren statt konsequent handeln und umsetzen.
  • Die Schuld bei anderen suchen.
  • Männern (vor allem im Business) für verantwortliche Positionen den Vortritt lassen.
  • Annehmen, dass – nur wenn ich perfekt funktioniere, ich Anerkennung und Lob verdiene.
  • Mich in Dramen anderer Menschen verwickeln.
  • Einem äußeren Guru folgen.
  • Dinge, die mir gut tun, auf die lange Bank schieben.
  • Mir Sorgen um das liebe Geld machen. (Sorgen hat man nicht, man muss sie sich schon machen.)
  • Zu glauben, wenn ich zuerst an mich denke, wäre das egoistisch.
  • Zu glauben, dass nur das, was ich anfassen kann, auch real ist.
  • Zulassen, dass andere meinen Wert bestimmen. (Selbstwert kommt von innen.)
  • Viel zu spät ins Bett gehen.
  • Mich zu Konkurrenz zu anderen Frauen/Männern anstiften lassen.
  • Stärke mit Härte verwechseln.
  • Konflikten aus dem Weg gehen… um des lieben (Schein-) Frieden willens.
  • Lachen, wenn ich lieber ernst bleiben möchte. Und ernst bleiben, wenn ich ein Lachen in mir fühle.
  • Mich mit Musik oder anderen Geräuschen ablenken, wenn mir nach Stille ist.

(Liste inspiriert durch Cheryl Richardson „Sei dir wichtig!“)

Dankbarkeit

Gerade fühle ich eine machtvolle berührende Dankbarkeit. Das Leben ist ein Mysterium. Ich bin so dankbar für seine Höhen und Tiefen und für die Menschen, die meinen Weg weiten, durchlichten, verdunkeln, verengen, enttäuschen, bereichern, nähren und begleiten. Jeder ist wertvoll. Dankbar bin ich vor allem für meine Freunde. Jene, die mir sehr sehr nah sind und jene, die immer mal wieder zum richtigen Zeitpunkt in meinem Leben auf- und wieder abtauchen, wenn ich sie rufe… oder auch nicht. Ich erkenne die Vollkommenheit. Auch wenn ich diese Sicht nicht halten kann, alles fließt… Gerade jetzt, im Raum der Dankbarkeit, ist auch die Unvollkommenheit wundervoll. Danke, an jene, die mit mir immer wieder um Werte ringen, laut und leise – die sich nicht scheuen, Fehler zu machen und sie auch zugeben können. Großartige Menschen machen großartige Fehler, die uns und anderen ermöglichen zu wachsen, zu lernen und zu verzeihen. Danke an jene, die mit mir über Wellen surfen, steile Kurven nehmen, die mit mir witzeln und lachen, 2016-01-28 19.54.39verzweifeln, weinen, fallen, wieder aufstehen… die mich halten und mich halten lassen. Mensch, der du an meiner Seite dieses unglaubliche Leben atmest… Ich verneige mich vor dir! WIR sind hier und jetzt. 

Ein Kühlschrankwitz für Flüchtlinge

Ich gebe Deutschunterricht für Flüchtlinge. In meiner Gruppe sind Menschen aus Syrien, Somalia, Afghanistan und aus der Ukraine. Wir treffen uns schon einige Wochen in Beckerwitz. Um das Ganze aufzulockern, kam mir am Ende der heutigen Doppelstunde die Idee: Ich erzähle einen Witz! Völkerverständigung braucht schließlich Humor. Und mit Spaß an der Freude lernt es sich doch gleich viel leichter.
Gesagt, getan.
Schlappe fünf Minuten brauche ich, um überhaupt den Begriff zu klären: „Witz….
W; I; T; Z“, buchstabiere ich das Wort mehrmals.
„Hahhaha! Versteht ihr??!“, starte ich meine mehr oder weniger pantomimische Einleitung. Dazu kraule ich mich demonstrativ mit der rechten Hand unterm linken Arm. Symbolisch. Ist als Geste irgendwie so drin. Die Gruppe guckt und bleibt seltsam skeptisch, was – das könnt ihr mir glauben – die Vorbereitungen desjenigen, der sogleich einen Witz erzählen möchte, nicht unbedingt erleichtert. Die ungünstigen Ausgangsbedingungen meines Wagnisses werden mir bewusst. Und noch bevor ich meinen eigentlichen Gag überhaupt loslasse, denke ich: „Puhh! Vielleicht doch keine so gute Idee.“
Doch der Wagen rollt. Alle schauen konzentriert, manche kneifen die Augen, beobachteten meine Bemühungen und wollten die neue Lektion unbedingt kapieren.  Ich wiederholte mein Anliegen in Zeitlupensprache: „Nochmaaaal: Wisst ihr…., w-a-s
e-i-n W-i-t-z -i-s-t? Ein Joooke?! ….la-la-lachen!“ Dabei ziehe ich nun zur besseren Anschauung beide Mundwinkel mit den Zeigefingern links und rechts nach oben.
Bei Oksana fällt zuerst der Groschen und zumindest ihren Landsleuten aus der Ukraine übersetzt sie, was ich vorhabe. „Ahhhh! Wiiiitz. Gut….“, gibt mir zumindest die russisch sprechende Schülerfront nun aufmunterndes Feedback. Meinen Freunden aus Afghanistan hingegen ist es deutlich anzusehen: Sie haben nach wie vor keinen Schimmer, was ich im Schilde führe. Jetzt quält mich der Gedanke: Oh mein Gott, vielleicht gibt es anderswo auf der Welt gar keinen Witze-Humor? Die verstehen nur Bahnhof.
Nassan aus Syrien guckt wie immer mir großen Kulleraugen auf die Bewegungen meines Mundes. „Wwwizz“, wiederholt er brav. Mir bricht der Schweiß aus. Das Abenteuer ist eindeutig verfrüht. Da habe ich mich ja in etwas reinmanövriert. Egal.
Ich hatte mich entschieden für: „Zwei Kühlschränke gehen durch den Wald. Sagt der eine Kühlschrank zum anderen: Du, lass mich mal in die Mitte.“
Kurz, prägnant, einfach. Das Wort Kühlschrank ist meinen Schülern nicht neu. In einer der letzten Lektionen hatten sie das Bild eines Kühlschrankes im Vorlagenheft „ausgemalt“ und damit erste Bekanntschaft mit dem Wort aus der deutschen Küche geschlossen.
Was soll’s. Ich erzähle nun also laut und deutlich und im ersten Sprachgang meinen Kühlschrankwitz. Wie zu erwarten: Keine Reaktion. Stirnen falten sich mir entgegen. Himmel, was für eine komische Situation! Nein, ich kann und will das Projekt nicht abbrechen. Vielmehr bitte ich Sarah zu mir nach vorn und erkläre, indem ich mir mit dem Zeigefinger immer wieder vor die eigene Brust klopfe: „Ich bin ein Kühlschrank.“ Dann zeige ich auf Sarah und verkünde: „Du bist auch ein Kühlschrank.“ Sarah guckt daraufhin eher wie ein Auto. Ich bleibe dabei: „Wir sind zwei Kühlschränke und gehen durch den Wald.“ Bei „Wald“ springe ich zurück zur Tafel und skizziere sekundenschnell drei Tannen. „Wald“, erkläre ich meine Zeichenkünste. Wieder zurück bei Sarah, nehme ich sie an die Hand und setzte erneut an: „Zwei Kühlschränke gehen durch den Wald.“ Dabei marschieren Sarah und ich nun demonstrativ durch das Klassenzimmer, sprich den „Wald“.
An dieser Stelle habe ich erstmals den Eindruck, dass die Geschichte irgendwie ankommt. Meine Schüler nicken zumindest. Das mit dem Wald und den Kühlschränken haben sie offenbar geschnallt. Ich gehe über zum zweiten Teil: „Ok… weiter…. sagt also der eine Kühlschrank zum anderen: Lass mich mal in die Mitte.“
„Mitte. Die Mitte.“ Auweija, ich kann es sehen. Kein Mensch außer mir, weiß, was das Wort Mitte bedeutet. Ich hole jetzt die kleine Nelia dazu. Sie ist sechs und begleitet ihre Eltern stets zum Unterricht. Nelia ist begeistert, dass sie mitmachen darf. Ihre kleine Hand liegt in meiner. Sarah und ich nehmen sie in unsere Mitte. Ich erkläre: „Nelia ist jetzt in der MITTE.“ Mein Auditorium nickt. Ich bin erleichtert. Heiliger Bimmbamm.
Schweißgebadet erzähle meinen Witz wohl vier oder fünf mal, immer in der Hoffnung, dass mal einer andeutungsweise auflacht. Nix. Stattdessen haben alle rote Ohren vor Anstrengung. Meine Schüler sind großartig, aufmerksam und geben sich wirklich alle Mühe.
Ich kann nicht mehr. Verzweifelt schaue ich Sarah irgendwann an und sage ganz normal: „Wenn nur zwei Kühlschränke durch den Wald gehen, kann keiner in der Mitte sein. Das ist der Witz, verstehst du.“
Daraufhin Sarah furztrocken und ohne auch nur eine Miene zu verziehen: „Ja, ich verstehen…. Ha Ha!“
„Sarah!“ Ich deute ihr lachend einen strengen Nasenstüber an, vor dem sie sich grinsend wegduckt.
Daraufhin liegt die Gruppe flach vor Lachen. Einer steckt den anderen an. Ich bin zwar fix und fertig, mir aber wenigstens wieder ganz sicher: Humor gibt es auf der ganzen Welt. Einen ohne viele Worte.

Warum wir hier sind

Wir sind nicht hierhergekommen,
um einander gefangen zu nehmen,
sondern, um uns noch tiefer
der Freiheit und der Freude zu ergeben.

Wir sind nicht in diese wunderbare Welt gekommen,
um uns fern der Liebe als Geiseln zu halten.
Lauf mein Liebstes, lauf allen davon,
die spitze Messer in deine zarten Träume,
in dein edles, heiliges Herz stoßen wollen.

Uns ist es aufgegeben, uns mit den Stimmen
der inneren Berufung zu befreunden,
die da draußen vor dem Haus unserem Geist zurufen:
„Ach bitte, bitte komm heraus und spiel mit uns!“

Denn wir sind nicht hierhergekommen,
um einander gefangen zu nehmen
oder unsere wunderbaren Seelen einzuschließen,
sondern, um immer tiefer zu erleben,
was in uns göttlich ist
MUT, FREIHEIT, Licht!

(Shams-Ud-Din Muhammad Hafiz zugeschrieben)

Lebenskünstler

„Wenn ich etwas Neues brauche, mache ich es mir selbst“, sagt Marcus Graucob. Der 55-Jährige ist Künstler – Lebenskünstler. „Ich bin freiwillig arm“, versucht er, seinen Weg in Worte zu fassen. „Genau dadurch fühle ich mich reich.“ Ob Marmeladen, Säfte, Chutneys, Seifen, Jacken, Mäntel, Kissen, Mützen – Marcus Graucob kocht, rührt, siedet, gärtnert, schneidert, klebt und hämmert in Eigenregie.

IMG_7746

Jacke. Selbstgemacht!

„Ich mag es, vorhandene Dinge neu zu arrangieren“, erzählt er. Aus seiner Garderobe zieht er einen langen Mantel mit Kapuze hervor. „Mein Hausmantel“, lacht er. „Bequem, warm, praktisch“, schwört der Wahl-Wismarer lachend. „Er ist außerdem eine Hommage an meine Mutter – sie ist vor drei Jahren gestorben“, fügt er zu. „Für diesen Mantel habe ich eine Tagesdecke, die ich einmal von ihr geschenkt bekam, neu verarbeitet. Das Futter sind billige Fleecedecken. Ich fühle mich darin richtig wohl.“ Die Wände in der Wohnung des gelernten Restaurators sind leer. „Ist doch eh schon alles viel zu viel, was uns umgibt“, erklärt er. Dafür verteilen sich in den Räumen Objekte, Arrangements, Skurrilitäten. Ein Stück Treibholz steht auf einem Sockel am Fenster, darauf ein Tierschädel. Die Hörner sind aus Rollo-Ketten. Eine alte Brosche komplettiert das Ensemble. Auf einer Fensterbank stehen Einweckgläser – darin Glasscherben, Puppenköpfe, Arme, Beine. „Eingeweckte Kindheit“, kommentiert der Künstler das seltsame Kabinett. „Ich habe mich lange mit dem Thema beschäftigt.“ Sich immer wieder auf Themen einzulassen, in ihre Tiefen hinabzusteigen, macht ihn als Lebenskünstler aus. „Ein wichtiges Wort in meinem Leben ist ,genug‘“, erzählt Marcus. „Was ist genug? Was ist mein eigener Wunsch? Und wann bin ich durch Werbung und Umwelt beeinflusst? Ich finde es wahrlich nicht einfach, mich in dieser Welt so zu verhalten, dass ich sie nicht noch mehr kaputt mache“, sagt Graucob, der im Übrigen noch nie eine Jeans besessen hat.

IMG_7751

Im Garten beim Maskenbau. Fluppe im Mundwinkel gehört dazu.

Gier und Neid habe er sich abgewöhnt, sagt der Mann mit den beiden grauen Bartzöpfen. Wie das? „Geholfen hat mir vor allem die Kommune Friedenshof bei Hannover. Das ist eine spirituelle Gemeinschaft, die auf einem Bauernhof lebt. Sie ist von Thich Nhat Hanh und Lehrern anderer Traditionen inspiriert.“ Mit den Menschen dort verbringt Marcus Graucob regelmäßig Zeit. Sein Auto hat er schon vor Jahren abgegeben. „Ohne zu sterben“, lacht er. „Mein Bauch wurde dadurch schmaler und die Brieftasche dicker.“

Meditation gehört zum Alltag des Künstlers. „Ich nenne das aber nicht mehr so“, erklärt Marcus. Wir reden über Spiritualität und auch darüber, welche seltsamen Blüten sie mitunter treibt. „Was ist Spiritualität heute?“, frage ich ihn. „Bullshit!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Marcus grinst. Dann relativiert der Künstler: „Ok. Lifestyle. Spiritualität ist oft nur Lifestyle.“ Genau deshalb meidet er auch das Wort „meditieren“. „Ich sitze“, sagt Marcus. „Jeden Tag 20 Minuten.“ Die Bodenkissen für sein tägliches Ritual hat er natürlich selbst gefertigt.

IMG_7788

Tägliches Ritual: Sitzen.

Seine Sehnsucht? „Mehr Austausch mit kreativen Menschen in Wismar. Ich lebe doch ziemlich zurückgezogen.“ Derzeit plant der gebürtige Niedersachse eine Masken-Performance. „Ich möchte mich zeigen, in dem ich mich verhülle“, sagt er schmunzelnd. Thema dieser Aktion, die auf dem Marktplatz in Wismar stattfinden soll, sind Konformität und Angepasstheit – oft die Fesseln eines freien kreativen Menschen. Sein handwerkliches Geschick hat Marcus Graucob übrigens bei Klaus Dupont gelernt. Damals, 1982, in dessen Werkstatt in Schwarmstedt. Noch heute ist Marcus Graucob mit dem Berliner Künstler befreundet. „Bei ihm habe ich viel gelernt: Präzision, Sorgfalt und den Umgang mit Werkzeugen, was enorm wichtig ist“, so der Wismarer. Eine Auswahl seiner Arbeiten ist derzeit in der Krämerstraße zu sehen. Fotografien, Streetart und Objekte auch unter www.wasserfresser.de.

 

Neue Nachbarn: Flüchtlinge

Das Leben von Bernd Schulz hat sich verändert. Sein Dorf auch. Seit Wochen lebt der Rentner mit Flüchtlingen zusammen – Tür an Tür mit Menschen aus der Ukraine, Syrien und Albanien. Sein Fazit: „Es ist lebendiger geworden.“ Der 66-Jährige geht offen mit der neuen Situation um. „Irgendwer braucht immer irgendwas“, erzählt er und kramt in seinem Werkzeug-Fundus. Ehefrau Margrit schüttelt hin und wieder liebevoll den Kopf. Ihr Mann hilft, wo er kann, blüht förmlich auf, weil es ihm gut tut, gebraucht zu werden. Erst kürzlich hat er zusammen mit den Ukrainern Blumen gepflanzt.

IMG_6832

Bernd Schulz. Der Rentner unterstützt die neuen Nachbarn.

„Die drehen ja sonst durch, wenn die nichts zu tun haben“, sagt Schulz. Mitten im Arbeitseinsatz ist er zu Netto gefahren und hat Getränke für alle besorgt. Von seiner schmalen Rente. „Mit einem vernünftigen Wort und einem Handschlag kann man vieles regeln“, sagt der engagierte Rentner. „Ja, wir persönlich kommen mit den neuen Nachbarn gut klar“, bestätigt seine Frau. „Manchmal mache ich mir Sorgen“, gibt die 64-Jährige zu. „Nicht jeder im Dorf mag die Fremden. Und es kommen immer mehr Flüchtlinge.“ „Stimmt“, bestätigt Roy Rietentidt. Der 47-Jährige ist Sozialarbeiter und hilft jenen, die Asyl suchen im Nordwesten. Der Landkreis hat ihn im März angestellt. „Seitdem rauche ich mehr“, sagt Roy, der nicht selten bis an die Grenzen der Belastbarkeit geht. „Mehr Flüchtlinge, mehr Zigaretten“, kommentiert er in seiner humorigen Art. Auch Bernd Schulz kennt er. Hin und wieder tauschen sich die beiden aus. „Ich bin wirklich stolz auf die Unterstützung vieler Nordwestmecklenburger“, erklärt Rietentidt. Sein Handy blinkt und klingelt unentwegt. „Wenn du in diesem Job nicht die Ruhe bewahrst, hast du echt verloren“, kommentiert der Wismarer den Dauerstress. Erst kürzlich sind Groß Stieten 24 weitere syrische Kriegsflüchtlinge zugewiesen worden. „Diese Zuweisung kam so plötzlich, dass die Wohnungen noch nicht mal fertig sind“, erklärt Roy Rietentidt das Chaos am Tag X.

IMG_6891

Menschen und Papier. In diesem Falle sind Listen hilfreich. Mohamad schaut, in welcher Etage er wohnt.

Noch während Handwerker und Möbelmonteure Waschmaschinen und Herde in den Block schleppen, kommt ein Bus aus Horst (Landkreis Ludwiglust/Parchim), dem Erstaufnahmelager für Asylbewerber und Flüchtlinge in MV, an. Männer, Frauen und Kinder mit Plastiktüten und Rucksäcken müssen erstmal auf Rasen und Bordsteinkante Platz nehmen. Einem Syrer geht es nicht gut. In einem nahegelegenen Waldstück muss der Mann sich erstmal übergeben. „Gib acht, dass du dich nicht ansteckst“, mahnt daraufhin Roy Rietentidt seine Kollegin Anni Vincenz. Beide bleiben professionell und gelassen. Routine. Mittels Listen werden Zimmer verteilt. „Ohne Listen läuft gar nichts“, lacht Rietentidt. Eine der Prioritäten: „Kurden nicht mit Moslems zusammen. Dinge, die man mit der Zeit lernt.“  Roy Rietentidt hat mittlerweile einen geschulten Blick. „Zwei der Neuankömmlinge sind schwer traumatisiert“, sagt er. „Das sehe ich an den Augen.“

IMG_6883

Willkommenskultur! Die kleine Ruzha aus Syrien spricht mit Roy die Blumensprache.

Der Mann liebt seine Arbeit. „Sie ist anspruchsvoll und zeitaufwendig, aber für mich auch die Chance, meinen Beitrag zu leisten, dass in Deutschland Wärme und Geborgenheit gegeben werden.“ Klar, auch etliche Probleme sieht der Sozialarbeiter. Als einer, der täglich an der Basis wirkt, ist er für absolute Transparenz. „Wir müssen uns gegenseitig zuhören und offen miteinander reden“, plädiert der Profi-Helfer. „Es geht jetzt nur zusammen.“

IMG_6843

Aufeinander zugehen!

Sein größter Zorn? „Was mich wirklich ankotzt, sind einige Deutsche, die Asylbewerber dafür verantwortlich machen, dass es anderen Deutschen hierzulande schlecht geht. Im Fernsehen gibt es diese Serie „Die Auswanderer!“. Deutsche suchen ihr Glück im Ausland! Und umgekehrt?! Eine miese Moral die einige haben!Ich schäme mich für solche Aussagen! Glaubt mir, auch diese Menschen, die auf der Flucht sind, haben hart gearbeitet.“

Was ihn motiviert: „Es sind die Menschen – lachende Kinder aus Syrien oder die herzhafte Umarmung von einem Moslem, der gerade seine Anerkennung bekommen hat.“
Und noch etwas brennt dem Sozialarbeiter auf der Seele: „Ich bin oft beeindruckt und bewegt davon, dass diese Menschen von dem Wenigen, was sie haben, noch gern etwas abgeben! Die Herzlichkeit und Dankbarkeit beschämen mich oftmals, da ich nicht zufrieden bin. Viel zu oft muss ich mit dem Gefühl leben, dass ich zu wenig Zeit für sie und ihre Geschichten habe!“

 

Kunst & Klo

Kunst im Klohäuschen. Diese schräge Kombi gibt es auf der Ostseeinsel Poel. Dort hat sich Anne Karpa am Schwarzen Busch, einem Urlauberparadies, in ein leerstehendes Toilettenhäuschen verliebt. Die Gemeinde hatte den verwaisten Schandfleck zur Pacht ausgeschrieben. Mit der Bitte, die „großen und kleinen Geschäfte“ doch künftig mit kreativen Ideen zu begleiten. Platz gibt’s in dem Flachbau, der unmittelbar an einem einsamen Strandaufgang liegt, ausreichend.  „Ich fand die Idee lustig“, erzählt Anne Karpa. Sie bekommt den Zuschlag und gründet das KloBauerKollektiv. Zum Kern der Truppe gehören Christiane Gregorowius, Keramikerin aus Dambeck sowie Janna Skroblin, Bühnenbildnerin und Puppenbauerin aus Alt Farpen. Auch andere Künstler und Kunsthandwerker aus der Region Nordwestmecklenburg sind durch temporäre Ausstellungen vertreten. „Die letzte Saison lief super an“, erzählt Anne Karpa glücklich. „Die Menschen, die zu uns finden, kommen oft ganz zufällig vorbei. Wir liegen ja etwas ab vom Trubel. Umso großer ist die Freude, wenn sie bei uns individuelle Stücke finden, die sie als Andenken mit nach Hause nehmen können“, so die Töpferin aus Madsow. Das Gästebuch in der Klobauter-Oase strotzt vor dankbaren und fröhlich Einträgen. „Ein Super-Klo!“ steht da zum Beispiel in feinen Lettern geschrieben. „Da macht es sogar Spaß, auf die Toilette zu gehen“, schreibt ein anderer. Viele Feriengäste versprechen wiederzukommen. Dabei geht es weniger um die crazy Toiletten in DDR-Charme, die sich in einem Teil des Gebäudes befinden,  als vielmehr um die feinen Töpferarbeiten und Kreativ-Kurse, die Anne Karpa „nebenbei“ anbietet. Mit ganz viel Herzblut. „Zwar liegt der eigentliche Saisonstart im Juni noch in einiger Ferne, doch am 14./15. März öffnet die Töpfer- und Kreativwerkstatt erstmals in diesem Jahr ihre Pforten. Anne Karpa lädt wie viele andere Werkstätten im Land zum „Tag der offenen Töpferei“ ein.  Wellenrauschen und Möwengeschrei sind gratis. Die Toilettenbenutzung kostet 50 Cent.