Sag Ja zum Nein

Die Basis eines guten Selbstwertgefühls ist die Fähigkeit, nein zu sagen, wenn wir nein meinen. Selbstliebe und die Liebe zu anderen beginnt mit der Kunst der gesunden Abgrenzung, denn das Nein zu dem, was für uns nicht stimmt, ist das Ja zu uns selbst. Ich habe am Wochenende eine ganz und gar unvollständige Nein-Liste (Download hier oder siehe im Anschluss an den Beitrag) zusammengeschrieben, die meine Leser inspirieren möge. Wozu? Nicht zu allem „Ja und Amen“ zu sagen. Du kannst die Liste kürzen, erweitern, umschreiben. Nimm dir, was zu dir passt. Den Rest hau‘ hinten rüber. Die Frage “Ich oder der andere zuerst?” braucht nämlich eine entschiedene Antwort –  ansonsten können wir jeden echten persönlichen Fortschritt vergessen, egal wie wir uns sonst ins Zeug legen, in uns „putzen und aufräumen“. Ganz einfach, weil in dieser Antwort unsere eigene Kraft liegt. Entweder wir nehmen sie zu uns oder wir geben sie ab. Je mehr wir auf Bestätigung im Außen schielen, je mehr wir anderen die Macht zugestehen, darüber zu entscheiden, ob wir doch irgendwie ok und liebenswert sind, desto schwächer und ohnmächtiger fühlen wir uns. Unser Potential ist gebunden. Erst, wenn wir das Nein gleichberechtigt und bewusst integriert haben, spüren wir wieder ganz konkret, wo zum Beispiel Rücksicht angebracht ist oder Rebellion oder Sinn für Humor oder lebendiger Zorn oder wo hundert Prozent Gradlinigkeit den anderen vielleicht überfordern würde. Ja, dann erst fühlen wir wahrhaft mit. Wer ohne Scham, Schleimerei und schlechtes Gewissen nein sagen kann, muss sich nicht mehr verbiegen. Er ist in Kontakt mit sich und seiner inneren Wahrheit und Würde. Einer meiner wichtigsten Sätze, die ich in den letzten 24 Stunden gelesen habe, lautet: “ Integrierte Aggression ist einfach Klarheit.“ Warum er für mich so wichtig ist? Weil immer, wenn ich mich verbogen habe – aus Angst, nicht zu genügen oder andere zu enttäuschen – sich früher oder später Frust und Aggression durch mich manifestiert haben. Ich wurde unzufrieden, launisch und wütend, habe verletzende und grobe Sachen gesagt, nicht mehr zugehört, Türen geknallt, Sachen zerschmissen und gehörig Dampf abgelassen. Heute weiß ich, dieser Dampf waren all die faulen Kompromisse, denen wohl jeder Mensch auf seinem Weg begegnet. Es waren all die verpufften Gelegenheiten zur Selbstliebe. Die einen reagieren mit Dampf, andere mit Rückzug und Depression. Manche Menschen lachen, wenn ihnen eigentlich eher zum Heulen zumute ist und wieder andere ziehen sich gewohnheitsmäßig Alltagsdrogen rein… Wir alle haben Mittel und Wege gefunden, die Leere in unserem Inneren zu kompensieren. Hingegen immer dann, wenn wir eine klare Entscheidung treffen, wenn wir uns quasi selbst definieren, Position beziehen, uns ausrichten…. weitet sich unsere Perspektive, unser Potential und unser Herz. Auch das bedeutet erwachen. Erwachen für den Weg der Heilung. Und wem das verbal schon zu heilig ist…. Es gibt einen herrlichen Spruch von Marc Allen, der einmal trefflich sagte: „Lass den Scheiß und mach, was dran ist!“ Fühlt sich gut an, oder?! Will sagen, ein authentisches Nein zu Blödsinn und Gewohnheit, kann enorm helfen, den Boden unter den eigenen Füßen wieder zu spüren. Nährboden. Endlich. Ja.

Meine (unvollständige) Nein-Liste

Was ich nicht mehr mache…

  • Mich abhetzen.
  • Morgens aus dem Bett springen. Ich lasse mir Zeit, die ich brauche, um den Tag ruhig und entspannt zu beginnen.
  • Ohne Haustiere leben.
  • Kompromisse schließen zu Lasten meiner Bedürfnisse, um mit jedem Frieden zu halten.
  • Fleisch essen.
  • Meinem kritischen Verstand alles glauben, was er mir als vermeintliche Wahrheit verkauft.
  • Mit Leuten streiten, die debattieren als Sport betrachten.
  • Meine Kreditkarten einsetzen, sofern ich die Abrechnung nicht vollständig zum Monatsende begleichen kann.
  • Etwas, was ich nicht mag oder brauche, bei mir zu Hause aufbewahren.
  • X-mal am Tag meinen Facebook-Account checken.
  • Den Mund halten, wenn jemand sich daneben benimmt.
  • Im Sommer Schuhe tragen, wenn barfuß laufen schöner ist.
  • Über Regen und schlechtes Wetter motzen.
  • Zu Events gehen, bei denen stundenlang nur sinnlos geschwatzt wird.
  • Klatsch tolerieren oder daran teilnehmen.
  • Aus Bequemlichkeit Fastfood essen, statt Zeit zu investieren, mir bewusst, ein gutes Mahl zu bereiten.
  • Mit schwierigen Lebenssituationen allein fertig werden.
  • Jemanden engagieren – sei es ein Anwalt, ein Arzt, ein Gesundheitsdienstleister oder was/wer auch immer, der mich respektlos behandelt.
  • Während der Mahlzeiten Telefonate annehmen.
  • Verbale Übergriffe von einem Vorgesetzten oder Mitarbeiter hinnehmen.
  • Zur Arbeit gehen, wenn ich krank bin.
  • Meine Meinungen für mich behalten, wenn sie mit denen der anderen im Raum nicht übereinstimmen.
  • Mir von sozialen Normen diktieren lassen, wofür ich mich interessieren sollte, sei es Kleidung, Essen, Kunst, Musik und dergleichen. Ich mag das, was ich mag.
  • Zeit in Beziehungen investieren, die nicht damit harmonieren, wer ich bin und wer ich sein will.
  • Nicht sinnvolle Verpackungen in Restaurants, Geschäften etc. akzeptieren.
  • Bücher, an denen ich die Lust verloren habe, zu Ende lesen.
  • Werbepost mit ins Haus nehmen (vor meiner Tür steht eine Papiertonne).
  • Mich verpflichtet fühlen, Zeit mit Familienmitgliedern oder Freunden verbringen, die sich für ein dauerhaft chaotisches, uninspiriertes oder langweiliges Leben entschieden haben.
  • Mich schlecht dabei fühlen, Nein zu sagen, wenn ein Nein das Beste für mich ist.
  • Im Geiste bei der Arbeit verweilen, wenn ich nicht arbeite.
  • Mir von Fernsehsendern vorschreiben lassen, wann ich meine Lieblingsshows ansehen soll (es gibt Mediatheken oder die Möglichkeit, Sendungen aufzuzeichnen).
  • Mein E-Mail-Programm auf den automatischen Empfang neuer Nachrichten einstellen. Ich entscheide, wann ich meine Mails bekomme.
  • Kleidungsstücke aufbewahren, von denen ich hoffe, dass sie mir „irgendwann“ passen.
  • Irgendwas wegwerfen, was recycelt werden kann.
  • Autos kaufen, die nicht treibstoffsparend sind.
  • Zeit mit Leuten verbringen, die zu mir reden statt mit mir.
  • Die Gefühle anderer wichtiger nehmen als meine eigenen.
  • Diskutieren statt konsequent handeln und umsetzen.
  • Die Schuld bei anderen suchen.
  • Männern (vor allem im Business) für verantwortliche Positionen den Vortritt lassen.
  • Annehmen, dass – nur wenn ich perfekt funktioniere, ich Anerkennung und Lob verdiene.
  • Mich in Dramen anderer Menschen verwickeln.
  • Einem äußeren Guru folgen.
  • Dinge, die mir gut tun, auf die lange Bank schieben.
  • Mir Sorgen um das liebe Geld machen. (Sorgen hat man nicht, man muss sie sich schon machen.)
  • Zu glauben, wenn ich zuerst an mich denke, wäre das egoistisch.
  • Zu glauben, dass nur das, was ich anfassen kann, auch real ist.
  • Zulassen, dass andere meinen Wert bestimmen. (Selbstwert kommt von innen.)
  • Viel zu spät ins Bett gehen.
  • Mich zu Konkurrenz zu anderen Frauen/Männern anstiften lassen.
  • Stärke mit Härte verwechseln.
  • Konflikten aus dem Weg gehen… um des lieben (Schein-) Frieden willens.
  • Lachen, wenn ich lieber ernst bleiben möchte. Und ernst bleiben, wenn ich ein Lachen in mir fühle.
  • Mich mit Musik oder anderen Geräuschen ablenken, wenn mir nach Stille ist.

(Liste inspiriert durch Cheryl Richardson „Sei dir wichtig!“)

Lebenskünstler

„Wenn ich etwas Neues brauche, mache ich es mir selbst“, sagt Marcus Graucob. Der 55-Jährige ist Künstler – Lebenskünstler. „Ich bin freiwillig arm“, versucht er, seinen Weg in Worte zu fassen. „Genau dadurch fühle ich mich reich.“ Ob Marmeladen, Säfte, Chutneys, Seifen, Jacken, Mäntel, Kissen, Mützen – Marcus Graucob kocht, rührt, siedet, gärtnert, schneidert, klebt und hämmert in Eigenregie.

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Jacke. Selbstgemacht!

„Ich mag es, vorhandene Dinge neu zu arrangieren“, erzählt er. Aus seiner Garderobe zieht er einen langen Mantel mit Kapuze hervor. „Mein Hausmantel“, lacht er. „Bequem, warm, praktisch“, schwört der Wahl-Wismarer lachend. „Er ist außerdem eine Hommage an meine Mutter – sie ist vor drei Jahren gestorben“, fügt er zu. „Für diesen Mantel habe ich eine Tagesdecke, die ich einmal von ihr geschenkt bekam, neu verarbeitet. Das Futter sind billige Fleecedecken. Ich fühle mich darin richtig wohl.“ Die Wände in der Wohnung des gelernten Restaurators sind leer. „Ist doch eh schon alles viel zu viel, was uns umgibt“, erklärt er. Dafür verteilen sich in den Räumen Objekte, Arrangements, Skurrilitäten. Ein Stück Treibholz steht auf einem Sockel am Fenster, darauf ein Tierschädel. Die Hörner sind aus Rollo-Ketten. Eine alte Brosche komplettiert das Ensemble. Auf einer Fensterbank stehen Einweckgläser – darin Glasscherben, Puppenköpfe, Arme, Beine. „Eingeweckte Kindheit“, kommentiert der Künstler das seltsame Kabinett. „Ich habe mich lange mit dem Thema beschäftigt.“ Sich immer wieder auf Themen einzulassen, in ihre Tiefen hinabzusteigen, macht ihn als Lebenskünstler aus. „Ein wichtiges Wort in meinem Leben ist ,genug‘“, erzählt Marcus. „Was ist genug? Was ist mein eigener Wunsch? Und wann bin ich durch Werbung und Umwelt beeinflusst? Ich finde es wahrlich nicht einfach, mich in dieser Welt so zu verhalten, dass ich sie nicht noch mehr kaputt mache“, sagt Graucob, der im Übrigen noch nie eine Jeans besessen hat.

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Im Garten beim Maskenbau. Fluppe im Mundwinkel gehört dazu.

Gier und Neid habe er sich abgewöhnt, sagt der Mann mit den beiden grauen Bartzöpfen. Wie das? „Geholfen hat mir vor allem die Kommune Friedenshof bei Hannover. Das ist eine spirituelle Gemeinschaft, die auf einem Bauernhof lebt. Sie ist von Thich Nhat Hanh und Lehrern anderer Traditionen inspiriert.“ Mit den Menschen dort verbringt Marcus Graucob regelmäßig Zeit. Sein Auto hat er schon vor Jahren abgegeben. „Ohne zu sterben“, lacht er. „Mein Bauch wurde dadurch schmaler und die Brieftasche dicker.“

Meditation gehört zum Alltag des Künstlers. „Ich nenne das aber nicht mehr so“, erklärt Marcus. Wir reden über Spiritualität und auch darüber, welche seltsamen Blüten sie mitunter treibt. „Was ist Spiritualität heute?“, frage ich ihn. „Bullshit!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Marcus grinst. Dann relativiert der Künstler: „Ok. Lifestyle. Spiritualität ist oft nur Lifestyle.“ Genau deshalb meidet er auch das Wort „meditieren“. „Ich sitze“, sagt Marcus. „Jeden Tag 20 Minuten.“ Die Bodenkissen für sein tägliches Ritual hat er natürlich selbst gefertigt.

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Tägliches Ritual: Sitzen.

Seine Sehnsucht? „Mehr Austausch mit kreativen Menschen in Wismar. Ich lebe doch ziemlich zurückgezogen.“ Derzeit plant der gebürtige Niedersachse eine Masken-Performance. „Ich möchte mich zeigen, in dem ich mich verhülle“, sagt er schmunzelnd. Thema dieser Aktion, die auf dem Marktplatz in Wismar stattfinden soll, sind Konformität und Angepasstheit – oft die Fesseln eines freien kreativen Menschen. Sein handwerkliches Geschick hat Marcus Graucob übrigens bei Klaus Dupont gelernt. Damals, 1982, in dessen Werkstatt in Schwarmstedt. Noch heute ist Marcus Graucob mit dem Berliner Künstler befreundet. „Bei ihm habe ich viel gelernt: Präzision, Sorgfalt und den Umgang mit Werkzeugen, was enorm wichtig ist“, so der Wismarer. Eine Auswahl seiner Arbeiten ist derzeit in der Krämerstraße zu sehen. Fotografien, Streetart und Objekte auch unter www.wasserfresser.de.

 

Der mit dem Buch tanzt

„Alt werden ist widerlich“, behauptet Jürgen Cremer bei einem Treffen vor wenigen Tagen. „Schreib aber statt ,widerlich‘ besser ,unangenehm‘ – das klingt nicht so böse . . . obwohl es wirklich widerlich ist, glaub mir.“ Es ist jene Direktheit, auf deren Grund jedoch immer auch die Schelmenglocke klingelt, die den Menschen Jürgen Cremer ausmacht. Im Gespräch, in der Begegnung, im Leben überhaupt. Heute wird das Wismarer Urgestein 70 Jahre alt. Sein Bart – mittlerweile silbergraIMG_2486u – ist 25 Jahre jünger. „Den trage ich ununterbrochen seit 1970“, erklärt Cremer schmunzelnd. „Mein kleiner Protest nach der Armeezeit.“ Bart und Proteste werden zu seinen Markenzeichen. Ja, Widerstände haben ihm immer Spaß gemacht. „Die Genossen ärgern“ war für den Kommissionshändler Cremer zu DDR-Zeiten fast wie ein Sport. „Ich mochte dieses Land nicht“, gibt er rückblickend zu. Dafür liebt er Bücher. Damals vor allem die von Christa Wolf, Stefan Heym, Ulrich Plenzdorf, Hermann Kant, Jürgen Borchert oder Erich Loest. Er verkauft nicht nur deren Geschichten auf einem Strandkarren, aus einem alten B 1000 heraus oder in seinem Büchereck in der Dankwartstraße, sondern holt jene intellektuellen Widerspenstigen des Ostens allesamt nach Wismar. „Ich habe halt Lesungen gemacht mit Leuten, die mir passten“, erinnert sich der Wismarer. „An Heym habe ich bestimmt vier, fünf Jahre gearbeitet“, sagt er. Cremers Beharrlichkeit wird belohnt. Mit Stefan Heym, dem bekannten Schriftsteller und Bürgerrechtler, quatscht er im März 1979 schließlich bis tief in die Nacht. Das bringt ihm neben viel Inspiration auch eine Hausdurchsuchung der Stasi ein. Für Ulrich Plenzdorf kriegt er zwei Jahre Mensa-Verbot. „Mensch, das hat Spaß gemacht“, sagt Jürgen Cremer, zieht genüsslich an seiner Zigarette und grinst in sich hinein. Angst? „Nein, die hab ich nie wirklich gehabt“, beantwortet er die Frage nach kurzem Zögern. „Ich wollte immer wissen, wie weit ich gehen kann.“ Nach der Wende wird Cremer Wismars erster frei gewählter Kultursenator. „Das waren vier aufregende Jahre in der Bürgerschaft“, erzählt er anerkennend. „Keiner hatte Ahnung, wie es geht, doch wir waren voll und ganz bei der Sache.“ Von „Rosi“ alias Rosemarie Wilcken übernimmt er einen Tag lang sogar das Bürgermeisteramt. Eine Urkunde über diesen Deal hängt jahrelang in seinem Büchereck. Nein, tauschen möchte er aktuell auf gar keinen Fall mit den lokalen Politikern. „Heute lasse ich mich regieren“, frotzelt er. Seit fünf Jahren ist Jürgen Cremer Rentner. „Bisher hatte ich noch nicht eine Minute Langeweile“, gibt er zu. Vor allem die Maulwürfe auf seinem Gartengrundstück in Moidentin halten ihn auf Trab. Viel Zeit verbringt er hier: harkt, grubbert, baut, sortiert, liest und genießt. „Ich habe mich hier schon als Kind sehr wohl gefühlt“, schmeichelt Cremer seinen 800 Quadratmetern Land direkt am Wallensteingraben. Die kleine Oase in direkter Nachbarschaft zum Moidentiner Bahnhof hat er von seinem Großvater übernommen. Von ihm, Martin Pusch, übernimmt er 1972 auch den Papier- und Buchdruckladen in der damaligen Karl-Liebknecht-Straße. Bereits als Knirps lochte er dort die Lottoscheine der Kunden. Journalist wäre er gern geworden, erzählt Jürgen Cremer – oder Innenarchitekt, Tischler, Seefahrer. Das Leben entscheidet anders. Er bleibt im Familienunternehmen, lernt Handelskaufmann. Mitte der 70er-Jahre lässt er sich dann in Leipzig zum Buchhändler ausbilden. Die Bücherwelten von Hartpappe, Reclam, Hinstorff und Co. sind sein Element. „Mit Aalfisch, reichlich rotem Wein und weiteren Mätzchen“ kommt der Wismarer immer wieder an Exportreserven und Titel, von denen andere Buchhändler im Osten damals nur träumten. Außerdem hätte ohne ihn damals wohl niemand in Wismar je eine Bibel gekriegt. „Ich war immer ein beweglicher Mensch“, lautet Cremers Selbsteinschätzung im Rückspiegel. „Heute hat jeder alles“, sinniert er. Lange spürt er dem eigenen Satz nach. Dann sagt er: „Manchmal wünsche ich mir den Mangel zurück. Ganz ehrlich, dieses widerliche Überangebot an jeder Ecke kotzt mich an.“ Klare Worte von einem, der schon zu Mauerzeiten per Dauervisum in den Westen reisen durfte. Konsum hat ihn dabei nie sonderlich interessiert. Wir reden über Werte. Die eigenen zu reflektieren, lässt er sich Zeit. „Soziale Gerechtigkeit“, sagt er schließlich nach einer Pause. Ein Grund, warum er 1990 in Wismar als einer der Ersten in die SPD eintritt. Sein Mitgliedsbuch trägt die Nummer 14. „Ja, kann ich so stehen lassen“, setzt er noch mal nach. Ungerechtigkeit mag ich überhaupt nicht.“ Mag er sich selbst? Auch darüber redet Jürgen Cremer. „Ich bin wohl nicht der, den ich oft gegeben habe“, spricht er einige Gedanken offen aus, die nach einem intensiven Leben immer mal wieder im Kopf kreisen. Altersweisheit mit 70? „Davon merke ich nicht viel“, lacht er. „Jedenfalls wünsche ich mir, dass ich noch lange wach und gesund bleibe.“ Vor zehn Jahren zum 60. Geburtstag war er mit seiner Frau Sybille in New York. Und heute? „Ich soll nüchtern und pünktlich zu einer Feier erscheinen, die Freunde und Weggefährten für mich organisiert haben. Ich bin dort nur Gast.“Ich wollte immer wissen, wie weit ich gehen kann. Angst? Nein, hab ich nie gehabt.“JürgenCremer, Wismarer Urgestei
„ hab ich nie wirklich gehabt“, beantwortet er die Frage nach kurzem Zögern. „Ich wollte immer wissen, wie weit ich gehen kann.“ Nach der Wende wird Cremer Wismars erster frei gewählter Kultursenator. „Das waren vier aufregende Jahre in der Bürgerschaft“, erzählt er anerkennend. „Keiner hatte Ahnung, wie es geht, doch wir waren voll und ganz bei der Sache.“ Von „Rosi“ alias Rosemarie Wilcken übernimmt er einen Tag lang sogar das Bürgermeisteramt. Eine Urkunde über diesen Deal hängt jahrelang in seinem Büchereck. Nein, tauschen möchte er aktuell auf gar keinen Fall mit den lokalen Politikern. „Heute lasse ich mich regieren“, frotzelt er. Seit fünf Jahren ist Jürgen Cremer Rentner. „Bisher hatte ich noch nicht eine Minute Langeweile“, gibt er zu. Vor allem die Maulwürfe auf seinem Gartengrundstück in Moidentin halten ihn auf Trab. Viel Zeit verbringt er hier: harkt, grubbert, baut, sortiert, liest und genießt. „Ich habe mich hier schon als Kind sehr wohl gefühlt“, schmeichelt Cremer seinen 800 Quadratmetern Land direkt am Wallensteingraben. Die kleine Oase in direkter Nachbarschaft zum Moidentiner Bahnhof hat er von seinem Großvater übernommen. Von ihm, Martin Pusch, übernimmt er 1972 auch den Papier- und Buchdruckladen in der damaligen Karl-Liebknecht-Straße. Bereits als Knirps lochte er dort die Lottoscheine der Kunden. Journalist wäre er gern geworden, erzählt Jürgen Cremer – oder Innenarchitekt, Tischler, Seefahrer. Das Leben entscheidet anders. Er bleibt im Familienunternehmen, lernt Handelskaufmann. Mitte der 70er-Jahre lässt er sich dann in Leipzig zum Buchhändler ausbilden. Die Bücherwelten von Hartpappe, Reclam, Hinstorff und Co. sind sein Element. „Mit Aalfisch, reichlich rotem Wein und weiteren Mätzchen“ kommt der Wismarer immer wieder an Exportreserven und Titel, von denen andere Buchhändler im Osten damals nur träumten. Außerdem hätte ohne ihn damals wohl niemand in Wismar je eine Bibel gekriegt. „Ich war immer ein beweglicher Mensch“, lautet Cremers Selbsteinschätzung im Rückspiegel. „Heute hat jeder alles“, sinniert er. Lange spürt er dem eigenen Satz nach. Dann sagt er: „Manchmal wünsche ich mir den Mangel zurück. Ganz ehrlich, dieses widerliche Überangebot an jeder Ecke kotzt mich an.“ Klare Worte von einem, der schon zu Mauerzeiten per Dauervisum in den Westen reisen durfte. Konsum hat ihn dabei nie sonderlich interessiert. Wir reden über Werte. Die eigenen zu reflektieren, lässt er sich Zeit. „Soziale Gerechtigkeit“, sagt er schließlich nach einer Pause. Ein Grund, warum er 1990 in Wismar als einer der Ersten in die SPD eintritt. Sein Mitgliedsbuch trägt die Nummer 14. „Ja, kann ich so stehen lassen“, setzt er noch mal nach. Ungerechtigkeit mag ich überhaupt nicht.“ Mag er sich selbst? Auch darüber redet Jürgen Cremer. „Ich bin wohl nicht der, den ich oft gegeben habe“, spricht er einige Gedanken offen aus, die nach einem intensiven Leben immer mal wieder im Kopf kreisen. Altersweisheit mit 70? „Davon merke ich nicht viel“, lacht er. „Jedenfalls wünsche ich mir, dass ich noch lange wach und gesund bleibe.“ Vor zehn Jahren zum 60. Geburtstag war er mit seiner Frau Sybille in New York. Und heute? „Ich soll nüchtern und pünktlich zu einer Feier erscheinen, die Freunde und Weggefährten für mich organisiert haben. Ich bin dort nur Gast.“

 

„Mönch und Krieger“

Es ist etliche Jahre her, dass mir mein Freund Manne Jürgens eines Tages „Die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker“ schenkte. Ein triebhaftes Meisterwerk. „Zum Brüllen komisch!“, wie Manne sagen würde. Ja, Weckers erste Langspielplatte hat es in sich. Aus den Texten tropfen gleichermaßen Blut, Zärtlichkeit, Sperma und Wollust. Eine noch etwas verstellte Wecker-Stimme singt von abgeschnittenen Gliedern, onanierenden Clowns, faulem Fleisch und irrer Lust. Ein großartiger (Meilen)Stein des Anstoßes. Politisch unkorrekt, eigen, kunstvoll, gleichermaßen traurig wie unerträglich komisch. In diesem Spannungsfeld jedenfalls genoss und inhalierte ich die schrägen Lieder.
Ich liebte diese Scheibe! Auf Anhieb.
Ich bin Manne bis heute dankbar. Wäre er damals nicht mit der CD, großer Begeisterung und einem tiefen Grinsen im Gesicht bei mir aufgetaucht, ich hätte diese Lieder wohl nie zu Ohren bekommen.
Wochenlang wehte die poetische Sado-Mucke von morgens bis abends durch meine Wohnung. Den Songtext von mein „Linker Arm“ kann ich bis heute auswendig: „Ich habe meinen linken Arm in Packpapier gepackt und hab ihn nach Paris geschickt. Am 3. Mai zur Nacht hab ich ihn abgehackt, denn ich bin so verliebt. Es klebt noch nasses Blut dran, doch das stört mich nicht, das trocknet schnell und riecht auch ganz superb. Nonette freut sich sicher, denn ich glaube nicht, dass oft ein linker Arm versendet wird…“

Es war bis letzten Freitag die bisher intensivste Begegnung mit dem Künstler Konstantin Wecker. Eine weitere kommt jetzt dazu. Ohne Notenschlüssel. Diesmal mit dem Fokus auf perfide gesellschaftliche Zustände. Weniger poetisch.  Viel mehr rebellisch. Zeitgemäß.

„Mönch und Krieger“ heißt sein neuestes Buch, gerade bei der Verlagsgruppe Random House erschienen. Untertitel: „Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt“.

Freitag fiel es mir beim Stöbern in der Buchhandlung in die Hände. Und dort blieb es quasi haften. Sonntag Mittag, 48 Stunden später, klappte ich die 284 Seiten zu. Tief bewegt, berührt, bereichert – glücklich. Gott sei Dank passiert mir das bei Büchern öfter. Doch so oft nun auch wieder nicht.

„Mönch und Krieger“ ist ein faszinierendes Plädoyer für die Kraft der Utopie in einer Zeit, in der „uninspirierte Realpolitik“ jeden Aufbruch und Ausbruch aus dem Gewohnten erstickt. Ich habe beim Lesen gelacht und geschluchzt.  Immer wieder stieg ein vertrautes Herzklopfen in mir auf und das unbändige Verlangen, meinem Freund in der Küche ganze Passagen vorzulesen, weil …. derart guten Stoff allein zu verstoffwechseln, einfach wenig Sinn macht. Inspiration und Freude vervielfältigen sich beim Teilen.

Oh ja. Ich wünsche mir, dass dieses Buch – seine Lebendigkeit, Aufrichtigkeit und Weisheit – unter die Leute kommt.

Seine Essenz hat mich erreicht. Ich darf Abstand halten und erkenne mich gleichzeitig wieder. Das Phänomen der Dichotomien (Gegensätzlichkeiten, die doch eine Einheit bilden), wie sie Wecker in seinem Buch als durchlebte biografische Einsichten beschreibt, sind auch in meiner eigenen Persönlichkeit tief verankert. Ich bin widersprüchlich. Jeden Tag in meinem Leben. Ich kenne die Kriegerin in mir ebenso wie jenen Anteil, der die Waffen endlich niederstrecken möchte und sich nach der Stille und Abgeschiedenheit des Klosters sehnt. Ich bin Heilige, Hure, Sünderin, Heilerin und Herrscherin zugleich…. Ein Mensch eben.

Ich musste beim Lesen laut lachen, als Wecker seine (verbalen) Aggressionen beim Autofahren hinterm Lenkrad offenbarte. („Die blöde Sau soll endlich Platz machen!“) Und mir liefen die Tränen, als er an den unerschütterlichen Glauben, den Mut und die zärtliche Unbeugsamkeit von Sophie Scholl erinnerte.

Ich liebe die Größe und Reife, mit der Konstantin Wecker eigene Schatten benennt, anerkennt und schließlich umarmt. Auch die des Welten-Egos. Ein bekennender Pazifist, der dem „inneren Faschisten“, diesem perfiden Abbild eines Kriegers, in der Rolle eines Nazis in einem wunderbaren antifaschistischen Film auf den Grund gehen konnte. Und offen darüber schreibt… Das nenne ich innere Arbeit, Ent-Wicklung, Wandlung und tatsächliche Transformation. Dem Wort einen solchen Menschen, der den immer währenden Prozess erkannt hat und ehrt, mag ich vertrauen.
Schriftsteller und Psychologe Arno Gruen, ein Vertrauter an der Seite von Konstantin Wecker, schreibt zu „Mönch und Krieger“:

„Eine außergewöhnliche Biografie, der es gelingt, mit unserem Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen ins Reine zu kommen. Ein mutiges Buch, das Mut macht, die Wahrheit zu wagen.“

Es gibt kaum etwas, worüber sich Wecker in seinem Buch nicht äußert: Spiritualität, Politik, Drogen, Gewohnheiten, Ängste, Demokratie, Ernährung… Dabei nimmt Tausendsassa Wecker eine aufrichtige Haltung ein, bezieht Position (trotz mancher Zweifel) und lässt seinen Leser gleichzeitig frei. Die Kraft der Demut.

Wecker bleibt immer persönlich, ganz bei sich, bedient sich für Seelenbilder, Kulissen und Symbole dabei jedoch dankbar und zurückhaltend ebenso bei Hölderlin, Goethe, Steiner, Bonhoeffer, Meister Eckhard, Arno Gruen und anderen.

Ich habe viele Zitate aus dem Buch mit Bleistift in meinem Notitzbuch notiert.
Hier eines meiner Lieblingszitate zum Schluss:

„Ich bin auf der Seite des menschlichen und nicht auf der Seite des politischen Denkens.“
(Hermann Hesse)

Aus meiner Sicht ist „Mönch und Krieger“ ganz in diesem tiefen und höchsten Sinne geschrieben.
Danke, Konstatin Wecker!

 

Obdachloser Herzöffner

Steffen vor einigen Tagen in Wismar.

Steffen Perniß ist obdachlos. „Auf Platte“, wie er es nennt. Seit über zehn Jahren. Nach Wismar ist der gebürtige Thüringer gekommen, um sich hier das Leben zu nehmen. Schluss. Aus. Ende. Nur noch einmal die Ostsee sehen, denn das war schon als Kind sein Traum.

Wir lernen uns an einem seiner besseren Tage kennen. Die waren in seinem Leben bisher eher dünn gesät. Vor Pfingsten schneidet sich Steffen deshalb die Pulsadern auf. Im Parkhaus vom Spaßbad.

„Als das Blut dann lief…. fand ich alles so verrückt und hab mich gefragt: Was mache ich hier eigentlich?!“ Während Steffen mir das bei unserer ersten Begegnung erzählt, kriecht mein kritischer Blick automatisch unter die Ärmel seiner sandfarbenen Jacke. Fündig bleibt er an seinem linken Handgelenk hängen. Stimmt. Eine weiße Mullbinde. Manchmal nervt dieser Anteil in mir, der zunächst alles in Frage stellt. Was habe ich denn gedacht? Dass dieser Mann Unsinn erzählt? Ich erinnere mich, wie seine Hand mit dem Verband nach einem weinroten Stoffbeutel greift. „Cooles Teil“, wundert es sich in mir. Dieses „es“ meint tatsächlich den Beutel. Ein Obdachloser mit einem sauberen, noch dazu coolen Stoffbeutel irritiert offensichtlich mein inneres Bild. Hat was von overdressed. „Nicht zu fassen“, geht es mir seinerzeit durch den Kopf. „Was für völlig idiotische Gedanken. Jetzt reiß dich mal zusammen, Ina!“

Von vorn. Elke, unsere Redaktions-Sekretärin, bringt letzte Woche einen Besucher mit prallen Taschen und eingerollter Schlafmatte an meinen Schreibtisch. „Das ist Herr Perniß“, stellt sie ihn vor – einen Zettel mit Notizen in der Hand, von dem sie abliest. „Herr Perniß ist seit dem 11.5. in Wismar, obdachlos, hat einen Suizidversuch hinter sich und möchte sich jetzt beim Sozialarbeiter vom Krankenhaus, der Diakonie und dem Jobcenter bedanken, die ihm sehr geholfen haben.“ Nach dieser ungewöhnlichen Bekanntmachung verlässt Elke den Raum und ich sitze das erste Mal in meinem Leben einem Obdachlosen ganz nah gegenüber.

„Ja, ich möchte mich bedanken“, sagt der. „Ich habe so etwas wie hier noch nie erlebt.“ Aus eben jenem farbigen Beutel zieht er jetzt einen dicken Hefter mit vielen Formularen und Zetteln, sorgfältig in Klarsichtfolien verpackt. Er suche nach einem Namen von der Frau im Jobcenter. Die sei sehr hilfsbereit – will ihm eine Wohnung und einen Ein-Euro-Job besorgen. Er blättert in Stapeln von Papieren, findet den Namen aber nicht.

Nein, er stinkt nicht. Meine Nase hat längst recherchiert. Was rüberweht, erinnert mich eher an jenen seltsamen Geruch von „Morgens-nach-der-Party“. Kalter Rauch, ja. Und Alkohol? Jjjein. Ich bin nicht sicher.

Mir fallen seine blauen Augen auf. Steffen erzählt. Vieles geht zunächst durcheinander. Oder passiert das in meinem eigenen Kopf?

Vor ein paar Wochen war er in Halle. Nachts dann vier Typen. Steffen kam nicht schnell genug aus seinem Schlafsack. Sie haben unerbittlich zugetreten. Eine Rippe bricht. Doch am schlimmsten es es am Kopf. Furchtbare Tritte haben sein Auge erwischt. „Die Rippen, blaue Flecken – alles egal. Ich hatte nur Angst, dass ich nie wieder sehen kann“, erzählt er.
Hornhaut gerissen, diagnosztiziert ein Arzt im Krankenhaus. Operation, Augenklappe und dann nichts wie weg.

Steffen ist „Alleingänger“. Er hat niemanden, fühlt sich nirgens zugehörig. Das war mal anders. Damals in Nürnberg, vor acht Jahren. Da hatte er Annette. Sie wohnten zusammen im Obdach, hatten sich zuvor in Dessau kennengelernt. „Eines nachts wache ich auf“, erzählt Steffen. „Annette lag nicht neben mir. Ich bin um die Ecke, hab geschaut – da hing sie dann in der Küche.“
„Mit einem stumpfen Brotmesser hab ich sie losgeschnitten“, taucht Steffen in die Vergangenheit ab. Seine Stimme verändert sich. Wird dünner. „Irgendwie hab ich’s geschafft“, erinnert er sich. „Ich war wie von Sinnen, hab es mit Mund-zu-Mund-Beatmung versucht. Doch zu spät. Sie war schon tot.“

Steffen säuft sich ins Koma.  „Was dann kam, war nicht Abstieg, sondern freier Fall“, sagt er. „Ich bin von Stadt zu Stadt gezogen.“
Rastlos. Betrunken. Allein.

Ich höre ihm zu, fast bewegungslos. Ich weiß nicht, was ich sagen oder fragen soll. Immer wieder muss ich auf seine Hände schauen. Die sind leicht gebräunt, ganz glatt und schön. Ist mir sofort aufgefallen. Seltsam. So vieles an ihm bricht das übliche Bild.
Was für ein Bild eigentlich?
Innerlich spüre ich einen Strom von Tränen, der mir bis zu Hals steigt. Keine Ahnung, was ich in dem Moment fühle?
Doch. Traurigkeit.

Was Steffen wohl fühlt?
Irgendwie wage ich es nicht, diese Frage direkt zu stellen. Habe ich Angst vor seiner Antwort?

Steffen ist 43. Ein Jahr jünger als ich. Er hat Koch gelernt, sagt er, weil er das immer irgendwie mochte. Mechaniker ist er auch. Ich staune. Zwei Berufe. „Warum lebst du auf der Straße?“, frage ich ihn. Er bewegt sich auf seinem Stuhl hin und her.  „Die haben damals nicht bezahlt“, sagt er. „Ich habe gearbeitet und sie haben nicht bezahlt.“ Nachdem ich die Frage gestellt habe, spüre ich, dass sie mehr schwer als wirklich wesentlich ist. Gott im Himmel, mir fallen irgendwie nur doofe Fragen ein, schelte ich mich innerlich. Mein Kopf ist wie leergefegt.

Ob er überhaupt noch richtig und gut schlafen könne, nachdem sie ihn in Halle so verprügelt haben, will ich als nächstes wissen. Er schaut mich an. Diesmal wie ein Meister. Und antwortet: „Schlafen? Ich habe seit acht Jahren nicht mehr geschlafen. Auf der Straße geht das nicht. Da bist du immer irgendwie unter Strom. Es ist kalt, nass, gefährlich.“

An diesem Punkt wendet sich in mir ein Blatt. Ich kann es nicht erklären. Es passiert einfach. Demut, Respekt, Würde…  All das fließt plötzlich. Ich spüre es und möchte diesen Fremden gern umarmen. Nicht aus Mitleid, sondern weil es sich gut und richtig und stimmig anfühlt.
Ich bin feige.
Rege mich nicht.
Höre weiter einfach nur zu.

Nach Wismar kommt Steffen, weil er sterben und leben will.
„Wenn du da ganz unten bist… wirklich ganz unten… direkt an der Grenze zum Freitod, dann ist es schwer, dich wieder aufzurappeln. Ohne Hilfe schaffst du es einfach nicht. Unmöglich.“

Im Obdachlosenheim am Haffeld ist kein Zimmer frei. Aussichtslos. Das Amt will ihn deshalb, so ist es üblich, zunächst in den „Schläferbereich“ stecken. Versiffte Matten, große Räume. „Ohne mich. Das ist unwürdig.“, sagt Steffen. „Dann lieber Voll-Platte.“
Er entdeckt das Parkhaus an der Kuhweide.

Auch am Hafen hat er etwas Glück. Manchmal abends bekommt er dort von den Kuttern eine Tüte Fischbrötchen. Gute Reste. Einmal sogar einen heißen Kaffee. Umsonst. „Betteln ist nicht leicht“, sagt er. „Die Scham ist groß. Anfangs ist es besonders schwer. Später gewöhnt man sich. Aber oh ja, ich schäme mich noch immer sehr, wenn ich Leute anbetteln muss.“

Pfingsten schlitzt sich Steffen die Pulsadern auf. So hatte er es geplant.
Glück im Unglück. Er schneidet nicht tief genug. Passanten rufen einen Notarztwagen. Steffen kann ein paar Tage in der Klinik bleiben. Warm und trocken. Der Sozialarbeiter im Krankenhaus setzt sofort einige Hebel in Bewegung. Das Netzwerk funktioniert gut. Diakonie und Jobcenter arbeiten Hand in Hand. Steffen nimmt die Hilfe an. Er öffnet die Herzen vieler Menschen in Ämtern und Einrichtungen. Ja, irgendwie geschieht das. In seiner Gegenwart klopft das eigene Herz spürbarer.

Ob er denn nun schon die Ostsee gesehen hätte, frage ich ihn zum Schluss. „Nee, nicht so wirklich“, lautet die Antwort. Er wäre halt nur am Hafen gewesen.
„Dann fahren wir da zusammen hin“, schlage ich ihm vor. „Hast du ein Handy“, frage ich unüberlegt. „Wir müssen beide lachen.“ Natürlich nicht. Kein fester Wohnsitz, kein Handy. Ist eben eine völlig neue Erfahrung auch für mich: Wie verabrede ich mich mit einem Obdachlosen?
„Frag meine Fallmanagerin“, sagt Steffen. „Die weiß, wo ich wann stecke.“

Dann der Abschied. Ich bin etwas unsicher, krame in meinem Portemonnaie. Mist, nur noch acht Euro. Mir ist das peinlich. Die strecke ich ihm entgegen. Eine skurrile Situation.
„Das kann ich nicht annehmen“, wehrt Steffen entsetzt ab. Wir stehen uns jetzt gegenüber.
„Wieso nicht?“, frage ich zurück. „Das ist gegen den Codex. Solange noch Essen an Bord ist, nehme ich kein Geld. Ich hab noch ein halbes Hähnchen in der Tasche.“
„Was für ein doofer Codex“, platze ich raus. „Gut. Dann isst du das Hähnchen eben gleich, ich warte… und dann nimmst du das Geld.“ Er lacht. Ich auch. Und dann breitet Steffen spontan seine Arme aus. „Ok. Dann eben so….“, sagt er.
Und ich bekomme meine Umarmung. Die schönste seit langem.
Von einer mutigen tapferen Seele.
Einem besonderen Menschen.
Danke, Steffen!

Als Kind wollte sie Zauberin werden!

Susanne Wiest beim Locken drehen!

Ein ganz und gar unvollständiges Porträt einer zauberhaften Piratin von der Greifswalder Wieck. Die Grundeinkommenaktivistin will mit vielen guten Ideen die Schatzkammern des Bundestages füllen.

„Bist du jetzt Politikerin?“, frage ich Susanne bei meinem gestrigen Besuch. Mag sein, dass sich meine Nase dabei fast unmerklich ein wenig rümpft. „Nö.“, antwortet sie ganz spontan. „Aber Spitzenkandidatin!“ Beide prusten wir daraufhin los. Lachen hilft bei der Befreiung von alten Begriffen und Vorurteilen. Herrlich! Und auch meine Nase entspannt sich jetzt. Wir essen riesige Schoko-Glückskekse, die ich aus Wismar mitgebracht habe. Susanne, die Parteienskeptikerin, rollt dabei einen Spruch über Chaos und verborgene Schätze auf und lacht. „Oh ja. Das passt.“
Seit zwei Jahren ist sie Mitglied in der „wildesten Partei Deutschlands“ – und heute auf Listenplatz 1.
„Ich will in den Bundestag!“, sagt die rot gelockte Piratin entschlossen. „Die wichtigen Themen wollen dorthin.“

„Ohne Partei ist es schwer, hier etwas mitzugestalten“, spricht Susanne aus Erfahrung. „Parteien sind wie ein Link zum Gesetzgeber und oft die einzige Möglichkeit, an die Legislative ranzukommen. Das ist nicht optimal und auch altmodisch. Doch die Form ist so“, bekennt die 46-Jährige. „Das wird jedenfalls ein lustiger Sommer“, schmunzelt sie und wickelt eine von ihren ungebändigten Locken um den Finger. „Ich fahre eben diesmal nicht nach Italien, sondern mache lieber noch eine Runde Demokratie.“ 

Das erste Mal begegne ich Susanne Wiest im Januar 2009 im HCC Hannover. Sie hält dort ihre erste Rede zum Thema Grundeinkommen. Die online-Petition der Tagesmutter aus Greifwald erregt seit Wochen Aufsehen. Auch ich bin angereist, um jene Frau kennenzulernen, die mich aus einem gut bürgerlichen Dornröschenschlaf gerissen hat. Seit ich durch Susanne Wiest vom Impuls des BGE gehört habe,  bin ich wie elektrisiert. Entschlossen und begeistert leite ich die Petition an Freunde weiter, lese, reise, recherchiere und fühle wieder Zuversicht und Freude auf dem Ackerboden lebendiger Demokratie. Zusammen mit Götz Werner, Sascha Liebermann, Ute Fischer und Gerald Häfner spricht Susanne damals von der Bühne in der Eilenriedehalle zu einem bunt gemischten Publikum. Ich kenne die Leute links und rechts neben mir auf den Zuschauerstühlen gar nicht, spüre jedoch binnen kürzester Zeit eine Vertrautheit und Verbundenheit, die damals für mich noch ganz neu war und die mich bis heute trägt.
Etwa eine Woche später bricht der Server des Bundestages zusammen. Die mächtige Resonanz der Mitzeichner legt ihn für zwei Stunden lahm. Die Idee eines bedingungslosen sGrundeinkommens bündelt Kräfte und Mächte und verbreitet sich wie ein Lauffeuer. 52.973 Unterschriften innerhalb kürzester Zeit. Rekord! Zur Bundestagswahl 2009 tritt Susanne als parteilose Einzelbewerberin im Wahlkreis Greifswald-Demmin-Ostvorpommern an. Im November 2010 bringt sie ihr Anliegen vor dem Petitionsausschuss im Deutschen Bundestag vor. Graswurzeldemokratie.

Und heute.
Was ist anders?

„Es ist eher komplizierter als einfacher geworden“, sagt die Piratin. „Ich weiß noch gar nicht so wirklich, welches Element jetzt dazu gekommen ist?“ Sie hält einen Moment inne. „Der Garten hat einen Zaun. Die Partei stellt auch eine Grenze dar. Ich werde mit vielen Leuten und Meinungen in einen Topf geworfen. Für mich ist es Wagnis und Aufgabe zugleich, diese Vielfalt und Widersprüchlichkeiten auszuhalten und oft einfach so stehen zu lassen.“

Vor einer Woche war Piratenparteitag in Neumarkt. Zeitgleich ein anderes Highlight für Susanne Wiest: Wagenburgtreffen in Münster. Sie verbindet das eine mit dem anderen. Auch im Herzen. „Münster war wie ein Klassentreffen nach vielen Jahren. Dort ist alles erblüht. Ich war ganz berührt.“

Viele Jahre hat Susanne selbst in einem blauen Zirkuswagen gelebt. Ihr Sohn Joshua ist dort geboren. „Fünf Leute auf 40 Quadratmetern – dafür sehr viel Wiese und Land drumherum.“

Die Wagenburg ist wie ein Gleichnis für die gebürtige Bayerin. „Du lebst in einer Gemeinschaft, machst Wege, pflanzt Obstbäume an, es gibt keinen Chef, wenig Reglementierungen – und jeder Wagen sieht anders aus. Der eine mag eben Schrottkunst vor der Tür, der nächste viele Blumentöpfe, einem dritten ist beides wurscht. Und doch ist jeder Wagen für sich individuell und schön. Man wird so deutlich. In einer Mietwohnung wird das Bedürfnis, sich zu zeigen, doch oft völlig erstickt. Ein bunter Fußabstreifer und ein Kranz an der Tür – das war’s dann. Da halte ich es lieber mit Hundertwasser, der gesagt hat, jeder sollte doch zumindest so lang sein Arm mit dem Pinsel aus dem Fenster reicht, sein Haus bunt bemalen dürfen. Dann kann ich zu meinen Freunden sagen: Schau, das dort, mit den gelben Margeriten mit den blauen Punkten, das ist meins.“

Gleichschaltung ist für Susanne Wiest völlig uninteressant. Langweilig! Vielmehr beschäftigt sie die Frage: Wie geht das mit der Individualität und der Gemeinschaft?

„Das ganze ist ein riesiges Experiment. Schnelle Lösungen gibt es nicht. Dazu sind die Dinge zu komplex. Jene, die immer gleich fertige Analysen und Antworten parat haben, sind meist im alten Denken verhaftet und folgen überholten Mustern. Mit Wandlung hat das nichts zu tun.“

Ich frage Susanne nach ihrer Erfahrung mit der Bedingungslosigkeit.

„Für Leute ist das oft Schocking!“, erfährt Susanne in Gesprächen zum Grundeinkommen immer wieder. „Dabei erlebt jeder von uns, wenn er Glück hat, immer wieder Formen der Bedingungslosigkeit. Zum Beispiel in der Familie oder bei Freunden: Ich muss nicht erst irgendwas leisten, um ein Abendessen zu bekommen. Sobald wir etwas schenken, machen wir auch Bedingungslosigkeit erlebbar. Kürzlich habe ich darüber nachgedacht, dass auch viele Abgeordnete bereits von einer gewissen Bedingungslosigkeit berührt sind. Sie bekommen ihre Diäten, ob sie dafür nun Reden halten oder Anträge einbringen oder nicht. Manche tauchen nicht mal im Parlament auf. Geld bekommen sie dennoch. Diäten sind kein leistungsbezogenes Einkommen. Sie machen im Grunde einen großzügigen Rahmen von bedingungslosem Vertrauensvorschuss deutlich. So neu ist der Gedanke also nicht. Wir alle müssen uns dieses Feld nur mehr und mehr bewusst machen und weiter erforschen.“

„Ich will dahin gucken, wo es klappt“, sagt Susanne. Ich lauer nicht auf Fehler! Vielfalt ist der wahre Zauber!“

Tatsächlich wollte sie als Kind Zauberin werden. „Manchmal habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn eine gute Fee mit drei freien Wünschen zu mir käme. Und ich wusste, dann werde ich schlau genug sein und mir nicht Taschentuch, Roller oder sowas Dämliches wünschen, sondern den großen Coup landen: Ich will eine Zauberin sein! Dann kann ich mir eh alles wünschen.“

Susanne lacht. „Ja, ich wollte immer etwas werden und sein, wo ich frei bleibe.“

Magie in ihrem Leben erlebt sie auch ohne gute Fee immer wieder.
„Wunder geschehen!“, weiß sie.
Und daran sind Menschen beteiligt.

„Immer wieder habe ich wundersamste Unterstützungen und Zufälle erlebt“, erzählt sie. „Oft an einem Punkt, an dem ich der Verzweiflung nah war und dennoch meine Ängste wieder ein Stück loslassen konnte. Mein Motto: Ich mache jetzt, was ich wirklich machen will. Alles andere ist mir egal…. und dann ging es auch und die verrücktesten Dinge und Menschen kamen auf mich zu.“

Sich zu verbiegen, nur um Geld zu verdienen, ist unwürdig. Menschen auszugrenzen, weil sie kein Geld haben, ebenso. „Diesen Stress dürfen wir heute niemandem mehr antun“, sagt Susanne Wiest. „Ich bin mit dem ganzen Thema auch noch nicht durch“, gesteht sie. „Doch Einkommen und Arbeit habe ich weitgehend in meinem Denken und Tun entkoppelt. Wir glauben, Geld ist der Motor für alles in unserer Gesellschaft. Doch dass wir etwas tun, etwas Neues tun, ist die wahre Schöpferkraft. Alles, was ich auch für andere tue, ist gestaltende Arbeit, kreative Arbeit. Immer wieder stehe ich vor dem Nichts, aber ICH WILL!“

Die Gesellschaft macht gerade einen gewaltigen Wandel durch.
„Es will etwas werden“, spürt Piraten-Zauberin Susi.
„Die richtige Arbeit teil sich mit. Es gibt eine Freiheit in der Hinwendung zu dem, was ich wirklich tun will. Eine wirkliche Aufgabe kannst du nur schöpferisch ergreifen. Niemand kann sie dir überhalftern oder aufzwingen. Das ist verrückt. Wenn du wirklich von einer Aufgabe angesprochen wirst, die zu dir passt, dann spürst du es und es ist dir eine Ehre, sie in dieser Welt zu tun. Das ist das wirklich Neue.“

Humane Schöpfer-Magie.

Susanne Wiest hat ihr Ding gefunden.
„Ich bin so sehr in das Grundeinkommen verliebt!“, strahlt die zweifache Mutter fröhlich.
„Dabei kann ich meine Liebe nicht mehr so exklusiv platzieren. Liebe ist eine Grundhaltung. Jemand sagte kürzlich: Geben und Teilen sind der neue Reichtum. Dem stimme ich dankbar zu. Und ich vertraue. Immer wieder.“

Piratin vor Schiff.

Latte Macchiato an der Wieck.
Sonniges Blühen mit Bedingungslosem Grundeinkommen.
Susanne und Marc im Gespräch.

Der Andersmacher

Heini Staudinger.

Meine persönlichen Fragen an Heini Staudinger, Visionär, Gemeinwohlökonom, Unternehmer und Gründer des erfolgreichen Schuh- und Möbelunternehmens GEA im Waldviertel, Österreich. Im Laufe unseres Gespräches zitiert Heini ein Rilke-Gedicht. So berührend, dass mir, während er spricht, die Tränen laufen. Ist mir noch nie passiert bei einem Telefon-Interview. Ich muss kurz unterbrechen, um mich zu fangen – so tief bin ich innerlich von seinen Worten bewegt. Auch aus diesem Grunde ein unvergessliches Erlebnis. (Das Interview erschien im ZUFALL – Das Wirtschaftsmagazin mit Herz., Ausgabe April/Mai 2012)

Wofür ist die Zeit reif?
Heini: Ich glaube, unabhängig von allen Zeiten gibt es für das Hier und Jetzt auf unserer Lebensreise immer eine Chance. Allgemein wünsche ich mir in dieser Zeit, dass der Wahnsinn zu Ende geht – dieser den Menschen und die Natur verachtende Konsum-Unsinn.
Wie stellst du dir den Unternehmer des ausgehenden 21. Jahrhunderts vor?
Heini: Ein guter Unternehmer schaut, dass es der Firma insgesamt gut geht, dass sie Teil eines größeren Ganzen ist. Er ist sich bewusst, dass es wichtigere Werte als Geld gibt.
Was tust du am liebsten mit deinem Geld?
Heini: Für mich ist es ein Luxus, dass ich vor etwa neun Jahren mein Privatgeld aufgegeben habe. Ich habe kein privates Konto, kein Sparbuch. Wenn ich etwas Geld brauche, dann gehe ich ins Geschäft, nehme etwas Geld aus der Kasse und lege einen Zettel mit „Danke, Heini!“ zurück. Das Teuerste, was ich mir in letzter Zeit geleistet habe, war meine Brille. Das ist cool, dass ich dafür Geld habe, denn ich lese gern.
Woran misst du Erfolg bei dir und anderen Menschen?
Heini: Erfolg ist für mich, wenn gemeinsam etwas glückt. Und dazu gehören Gemeinschaftsfähigkeit, Nicht-Verzagtheit und die Fähigkeit zum Mutmachen.
Vor welcher Leistung deiner Mitmenschen hast du den größten Respekt?
Heini: Wenn jemand in seinem Denken und Handeln gar nicht mehr den eigenen Vorteil sucht.
Wie bleibst du deinen Prinzipien treu?
Heini: Mit einem bescheiden gestalteten Alltag… Für mich ist es eine große Hilfe, dass ich das mit dem Privatgeld aufgegeben habe. Wenn kein vordergründiges Interesse mehr besteht, das Privatvermögen zu vermehren,  ist es wesentlich einfacher, sich ehrlich zu fragen, was hier und jetzt einen Sinn macht.
Dein Rat an Menschen, der hilft, das Leben besser zu meistern…
Heini: Ich habe fünf Thesen für Mutige: 1. auf die innere Stimme hören; 2. Naivität, das heißt, beim ersten Schritt nicht zu hoffen, das Ziel schon zu kennen; 3. fürchte dich nicht vor dem Alleinsein; 4. frage dich, was dich abhält, das zu tun, was du schon immer tun wolltest und 5. Spring, bitte! Dazu ein Rilke-Gedicht:
Der Panther.
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe/
so müd geworden, dass er nichts mehr hält./
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/
und hinter tausend Stäben keine Welt./
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,/
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,/
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,/
in der betäubt ein großer Wille steht./
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille/
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,/
geht durch der Glieder angespannte Stille/
und hört im Herzen auf zu sein.
Dieses Gedicht trug mein Freund Reinhold bei sich als er sich 1980 das Leben nahm. Reinholds Botschaft an die Lebenden wäre wohl gewesen: Spring! Spring über die Stäbe. Aus der Kraft der Mitte. Spring, bitte!