„Mönch und Krieger“

Es ist etliche Jahre her, dass mir mein Freund Manne Jürgens eines Tages „Die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker“ schenkte. Ein triebhaftes Meisterwerk. „Zum Brüllen komisch!“, wie Manne sagen würde. Ja, Weckers erste Langspielplatte hat es in sich. Aus den Texten tropfen gleichermaßen Blut, Zärtlichkeit, Sperma und Wollust. Eine noch etwas verstellte Wecker-Stimme singt von abgeschnittenen Gliedern, onanierenden Clowns, faulem Fleisch und irrer Lust. Ein großartiger (Meilen)Stein des Anstoßes. Politisch unkorrekt, eigen, kunstvoll, gleichermaßen traurig wie unerträglich komisch. In diesem Spannungsfeld jedenfalls genoss und inhalierte ich die schrägen Lieder.
Ich liebte diese Scheibe! Auf Anhieb.
Ich bin Manne bis heute dankbar. Wäre er damals nicht mit der CD, großer Begeisterung und einem tiefen Grinsen im Gesicht bei mir aufgetaucht, ich hätte diese Lieder wohl nie zu Ohren bekommen.
Wochenlang wehte die poetische Sado-Mucke von morgens bis abends durch meine Wohnung. Den Songtext von mein „Linker Arm“ kann ich bis heute auswendig: „Ich habe meinen linken Arm in Packpapier gepackt und hab ihn nach Paris geschickt. Am 3. Mai zur Nacht hab ich ihn abgehackt, denn ich bin so verliebt. Es klebt noch nasses Blut dran, doch das stört mich nicht, das trocknet schnell und riecht auch ganz superb. Nonette freut sich sicher, denn ich glaube nicht, dass oft ein linker Arm versendet wird…“

Es war bis letzten Freitag die bisher intensivste Begegnung mit dem Künstler Konstantin Wecker. Eine weitere kommt jetzt dazu. Ohne Notenschlüssel. Diesmal mit dem Fokus auf perfide gesellschaftliche Zustände. Weniger poetisch.  Viel mehr rebellisch. Zeitgemäß.

„Mönch und Krieger“ heißt sein neuestes Buch, gerade bei der Verlagsgruppe Random House erschienen. Untertitel: „Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt“.

Freitag fiel es mir beim Stöbern in der Buchhandlung in die Hände. Und dort blieb es quasi haften. Sonntag Mittag, 48 Stunden später, klappte ich die 284 Seiten zu. Tief bewegt, berührt, bereichert – glücklich. Gott sei Dank passiert mir das bei Büchern öfter. Doch so oft nun auch wieder nicht.

„Mönch und Krieger“ ist ein faszinierendes Plädoyer für die Kraft der Utopie in einer Zeit, in der „uninspirierte Realpolitik“ jeden Aufbruch und Ausbruch aus dem Gewohnten erstickt. Ich habe beim Lesen gelacht und geschluchzt.  Immer wieder stieg ein vertrautes Herzklopfen in mir auf und das unbändige Verlangen, meinem Freund in der Küche ganze Passagen vorzulesen, weil …. derart guten Stoff allein zu verstoffwechseln, einfach wenig Sinn macht. Inspiration und Freude vervielfältigen sich beim Teilen.

Oh ja. Ich wünsche mir, dass dieses Buch – seine Lebendigkeit, Aufrichtigkeit und Weisheit – unter die Leute kommt.

Seine Essenz hat mich erreicht. Ich darf Abstand halten und erkenne mich gleichzeitig wieder. Das Phänomen der Dichotomien (Gegensätzlichkeiten, die doch eine Einheit bilden), wie sie Wecker in seinem Buch als durchlebte biografische Einsichten beschreibt, sind auch in meiner eigenen Persönlichkeit tief verankert. Ich bin widersprüchlich. Jeden Tag in meinem Leben. Ich kenne die Kriegerin in mir ebenso wie jenen Anteil, der die Waffen endlich niederstrecken möchte und sich nach der Stille und Abgeschiedenheit des Klosters sehnt. Ich bin Heilige, Hure, Sünderin, Heilerin und Herrscherin zugleich…. Ein Mensch eben.

Ich musste beim Lesen laut lachen, als Wecker seine (verbalen) Aggressionen beim Autofahren hinterm Lenkrad offenbarte. („Die blöde Sau soll endlich Platz machen!“) Und mir liefen die Tränen, als er an den unerschütterlichen Glauben, den Mut und die zärtliche Unbeugsamkeit von Sophie Scholl erinnerte.

Ich liebe die Größe und Reife, mit der Konstantin Wecker eigene Schatten benennt, anerkennt und schließlich umarmt. Auch die des Welten-Egos. Ein bekennender Pazifist, der dem „inneren Faschisten“, diesem perfiden Abbild eines Kriegers, in der Rolle eines Nazis in einem wunderbaren antifaschistischen Film auf den Grund gehen konnte. Und offen darüber schreibt… Das nenne ich innere Arbeit, Ent-Wicklung, Wandlung und tatsächliche Transformation. Dem Wort einen solchen Menschen, der den immer währenden Prozess erkannt hat und ehrt, mag ich vertrauen.
Schriftsteller und Psychologe Arno Gruen, ein Vertrauter an der Seite von Konstantin Wecker, schreibt zu „Mönch und Krieger“:

„Eine außergewöhnliche Biografie, der es gelingt, mit unserem Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen ins Reine zu kommen. Ein mutiges Buch, das Mut macht, die Wahrheit zu wagen.“

Es gibt kaum etwas, worüber sich Wecker in seinem Buch nicht äußert: Spiritualität, Politik, Drogen, Gewohnheiten, Ängste, Demokratie, Ernährung… Dabei nimmt Tausendsassa Wecker eine aufrichtige Haltung ein, bezieht Position (trotz mancher Zweifel) und lässt seinen Leser gleichzeitig frei. Die Kraft der Demut.

Wecker bleibt immer persönlich, ganz bei sich, bedient sich für Seelenbilder, Kulissen und Symbole dabei jedoch dankbar und zurückhaltend ebenso bei Hölderlin, Goethe, Steiner, Bonhoeffer, Meister Eckhard, Arno Gruen und anderen.

Ich habe viele Zitate aus dem Buch mit Bleistift in meinem Notitzbuch notiert.
Hier eines meiner Lieblingszitate zum Schluss:

„Ich bin auf der Seite des menschlichen und nicht auf der Seite des politischen Denkens.“
(Hermann Hesse)

Aus meiner Sicht ist „Mönch und Krieger“ ganz in diesem tiefen und höchsten Sinne geschrieben.
Danke, Konstatin Wecker!

 

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