Atelierbesuch

Der Maler Hans W. Scheibner.

Besuch bei dem Maßlower Maler, Bildhauer, Regisseur und Puppenbauer Hans W. Scheibner. Sein Atelier erinnert an das kreative Chaos des irischen Malers Francis Bacon. Überall Bilder, Farben, Zettel, Fetzen, Fotos, Erinnerungen, Puppen, Masken, Fundstücke…
Klar, Hans mag den Bacon. Und Lucian Freud und George Grosz – die beiden besonders. Er selbst ist ein gnadenlos Kreativer – erweckt Hölzer, Schrauben, manchmal sogar Abfall zu neuem Leben. Und Hans malt mit einem Ausdruck, der mich in Ehrfurcht zuweilen fast zurückweichen lässt. Kraftvoll, rabiat, konsequent. Dem Gerhard Richter hat er mit Pinsel und leuchtender Farbe prompt ein Schlitzohr verpasst. Seine Porträts erstaunen mich. Zu Richter gibt es in Hans Scheibners Biografie durchaus Verbindungen. Anfang der 60-iger Jahre hatte er zusammen mit Hans-Hendrik Grimmling sein erstes Atelier in Leipzig. Später gehörten zu dieser Gruppe auch Gerhard Richter und Lutz Friedel.

„Der Mensch weiß oft gar nicht, welches Glück ihn umgibt“, sagt der Maler heute. Nicht nur sein fast weißer ‚Hans-Bart‘ (mit dem er sicher schon auf die Welt gekommen ist) und die vielen Jahre Lebenserfahrung machen den Tausendsassa humorvoll, streng, weich und weise zugleich. Das traumhafte Anwesen in Maßlow, die Natur, viel frische Luft, Reiten mit dem befreundeten Bauern aus der Nachbarschaft, seine Familie…. „Ich bin endlich angekommen“, sagt Hans. In ein paar Tagen wird er 69.

Den Traum Künstler zu sein, hat er schon als Junge so intensiv geträumt, dass ihn niemand aufhalten konnte. Dabei hat mit Boxen alles angefangen. In seinem ersten Heimat-„Stall“ in der Nähe von Leipzig lernt er Selbstbewusstsein, Disziplin und Fairness. „Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst sogar ein Schläger geworden“, sagt Hans. Als Kind hat er stark gestottert. „Hat sich durch’s Boxen gelöst“, ist er sich sicher. Ein Boxsack hängt heute noch in seinem Atelier – zwischen riesigen Leinwänden mit Wettkampfszenen und Porträts von Weltmeistern und Trainern.

Die Begegnung mit seiner Frau Karin Zimmermann ist 1974 so etwas wie Fügung. „Wir sind grundverschieden“, sagt er. „Haben einander aber nie ändern wollen.“ Für ihn ist das Liebe. „Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, bin ich fasziniert von dieser Frau, fahre noch immer total auf sie ab. Ich sage, die beste Kosmetik der Geist.“

Karin ist auch Malerin. Als co-kreatives Paar sind beide miteinander gereift und gewachsen. Zwei Kinder – auch Künstler. „Ohne Karin, ihren Halt, hätte ich mich wahrscheinlich sehr viel früher völlig verlebt. Ich wäre einfach immer weitergekreiselt…. Ich habe in jungen Jahren sehr intensiv gelebt, kaum geschlafen. Ich wollte nichts verpassen.“

Die Dummheit vieler Menschen regt Hans auf. Er schimpft auf die Achtlosen, die Mitläufer, den ganzen Konsumwahnsinn. Sein künstlerisches Werk trägt Botschaften. Oft die einer kaputten Welt und ganz eigene. Er collagiert, probiert, transformiert. Gerade ist in seinem Atelier das „deutsche Rassehuhn“ entstanden – eine seltsam mutierte Kreatur aus Knochen, Hahnenfüßen, einem Hundegebiss und zig Fetzen von bunten Werbeprospekten. Ihn gruselt die Freiheit der Idioten. „Irgendwann weiß keiner mehr, wie es geht“, sagt er kopfschüttelnd.

Er, der er zu DDR-Zeiten des eigenen Kopfes und künstlerischer Wahrheiten wegen Theaterverbot hatte, preist heute mehr und mehr die einfachen Wunder um ihn herum. „Jeden Tag geht die Sonne auf, die Vögel zwitschern. Die Hühner im Hof gackern und legen ein Ei, was ich dann zum Frühstück essen. Ich habe eine so tiefe Hochachtungen vor all diesen Geschenken. Und während diese Wunder tagtäglich geschehen, wollen Leute noch schnellere Autos und hochfrisierte Maschinen…. Sie leben am Leben vorbei, weil sie denken, dass das liebe Geld unser aller Gott ist.“

Hans hat einen schönen Humor. Den trägt er auf der Zunge. Seine Hände hingegen übersetzen eher still alles in eine lebendige Form. Er hat neue Latten am Zaun. Vor dem Haus. Bunte. Mit Figuren drauf. Er erzählt mir dazu fröhliche Geschichten. Dann zeigt er auf die großen hellen Plastiken im Garten mit den vielen Bäumen. Die Arbeiten sind von seiner Tochter Anna Martha Napp. Wunderbare Symbiose zwischen Kunst und Natur.
An diesem Ort zu sein, macht ganz offen und zufrieden. Tut richtig gut.

Ja, das Dorf Maßlow ist durch Hans W. Scheibner und seine Familie ein spürbar besonderer Ort. Bezaubernd. Inspirierend. Lebenswert.

www.kunstatelier-masslow.de

Hans Bilder sind seine Biografie.
Hans und das „deutsche Rassehuhn“.
Porträt Gerhard Richter „mit Schlitzohr“.
Atelierblick.
Alle Latten im Zaun sind neu. Mit bunten Figuren.

Ein Gedanke zu „Atelierbesuch

  1. Anonymous sagt:

    wenn ich einen Zaun hätte, würde ich auch neue Latten wollen… 😉
    wunderbarer Artikel über einen Widerspruchsgeist und mehr…
    M.G.

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