Don’t move! Lebensfreude verboten.

Modjgan Hashemian wurde in Berlin geboren. Hier lebt sie auch heute. Dennoch ist sie ein Kind zweier Welten. Die ersten Jahre zwischen Berlin und Teheran haben sie geprägt. Ihre persischen Wurzeln sind der 37-Jährigen ins Gesicht geschrieben.

Wir treffen uns in der „Seerose“, einem kleinen vegetarischen Restaurant in Berlin-Kreuzberg. Es wird von Iranern geführt. „Es sind gute alte Freunde meiner Eltern“, erzählt Modjgan und bestellt noch etwas Couscous zum Salat.  Auf persisch. An ihrer Seite der fünfjährige Bijan. Er hat glänzend schwarzes Haar und große braune Augen. Genau wie seine Mama.
Modjgan Hashemian ist Tänzerin und Choreografin. Im März hatte ihr neuestes Stück „Don’t move“ im Berliner Ballhaus Premiere. Gerade ist sie voller Eindrücke aus Istanbul und Köln zurückgekehrt. Auch dort berührte  ihr Tanzstück die Zuschauer.
„Don’t move“ bewegt. Deshalb, weil es die Geschichte eines Landes erzählt, in dem Menschen sich nicht frei bewegen dürfen. Tanzen ist im Iran verboten.
Teheran, Anfang der 80-er Jahre: Es hätte die Befreiung des persischen Volkes werden sollen, der Sturz des autoritären Schah-Regimes. Stattdessen tun sich neue Schatten auf. Mit Einführung der Scharia in der Islamischen Republik Iran sind Lebensfreude und Feiern in der Öffentlichkeit verpönt. Die Menschen gehen grau und schwarz verschleiert. Bis zur Revolution 1979 gab es Folklore und Ballett. Danach nichts mehr. Es ist, als würde das persische Wort für Tanz – Raghs – mit einem politischen Fluch in Ketten gelegt und kurzerhand aus dem Sprachgebrauch gestrichen. Benutzt werden darf nur noch der Begriff „rhythmische Bewegung“. Es ist grotesk.
„Die Iraner lieben das Tanzen“, weiß Modjgan Hashemian. „Sobald sie Musik hören, möchten sie sich bewegen. Es liegt ihnen im Blut.“ Doch was einst frei durch alle Lebensadern fließen durfte, geriet über Jahrzehnte der Unterdrückung in eine Art Schockstarre. Wer es wagt, öffentlich zu tanzen und dabei erwischt oder verraten wird, läuft Gefahr, im Gefängnis zu landen. „Das betrifft vor allem die Frauen“, erzählt Modjgan. „In den Augen der Mullahs hat die Bewegung mit dem Körper einen großen Bezug zur Sexualität. Sie wird als Bedrohung und Gefahr empfunden und ist mit deren islamischen Werten nicht vereinbar. Tanzen ist wie Prostitution.“
Und dennoch. Trotz der irrsinnigen körperpolitischen Moralgesetze der iranischen Regierung wird im Land getanzt. Heimlich. In Wohnzimmern, Kellern und auf Dächern. Bewegung wird damit zum Drama. Vor allem für die, die Tanz als ihre Profession ansehen. Sie sind der Willkür der Zensurbehörde ausgeliefert. Keiner weiß, wo, wann und warum sie die Zügel ihrer Macht anziehen oder auch locker lassen. Mittlerweile laufen die Menschen geduckt, misstrauen einander und tragen vielerlei Masken. Regimeterror und Selbstzensur zersetzen wie ein grauer Dämon den aufrechten Gang eines ganzen Volkes.
„Das alles macht mich unheimlich wütend und traurig zugleich“,  so die Deutsch-Iranerin. Als Kind faszinierten sie die persischen Teppiche im Haus ihrer Großmutter in Süd-Teheran, einem armen Arbeiterviertel. „Immer nach der Schule rannte ich ganz schnell nach Hause, riss mir den dichten Schleier vom Kopf, der bei der Hitze schrecklich warm war und mich eingeengt hat. Dann habe ich die Musik aufgedreht und mich zu den farbigen Mustern auf dem Teppich bewegt. Ich habe einfach die Muster auf dem Teppich nachgetanzt. Das fand ich schön und befreiend.“
Modjgan’s Leben bewegt sich weiter, webt das eigene Muster. Berlin wird Mitte der 80-er Jahre endgültig ihre Heimat. Trotz Vorbehalte in der Familie wird sie Tänzerin, studiert an der Schauspielschule Ernst-Busch Choreografie. Kindheitserinnerungen kommen hoch. Sie erinnert sich an die Teppiche und deren Muster, möchte mehr über die Knoten, Schlaufen, Schlingen und Knüpftechniken erfahren und die alten Traditionen in Bewegungen auf der Bühne umsetzen. Nach 27 Jahren reist die Künstlerin 2007 erstmals wieder nach Teheran. „Als das Flugzeug landete, liefen mir die Tränen“, erinnert sie sich. „Ich liebe diese Stadt.  Da waren plötzlich all die bekannten Gerüche meiner Kindheit, das, was man so speichert und was mit einem selbst eng verbunden ist. Es war sehr emotional. Ich wollte gar nicht schlafen, sondern den Genuss voll ausleben.“ 2009 entsteht ihre erste größere Produktion „Move in Patterns“. Es erzählt die Geschichte ihrer Kindheit in Teheran.
Auch auf späteren Reisen kommt sie immer wieder mit Tänzern ins Gespräch. Es sind Begegnungen im Untergrund. Die Kollegen vertrauen der Choreografin aus Berlin, deren Cousins, Cousinen, Onkel und Tanten noch immer in Teheran leben. Hier wird 2010 die Idee für „Don’t move“ geboren.
„Ich habe viele Menschen interviewt, die früher beruflich auf der Bühne standen und später dafür hinter Gittern saßen“, erzählt die junge Frau. „Im Stadttheater in Teheran wurde Othellodreißigmal gespielt. Die hatten das Stück abgenickt, es spielte auf Festivals, die Choreografin und Kostümbildnerin hatten sogar Preise bekommen. Dann plötzlich ließ die Zensurbehörde die Darsteller gerichtlich vorladen. Sie bekamen Spielverbot und mussten eidesstattlich erklären, sich nicht mehr auf der Bühne zu bewegen. Einfach so.“ In Modjgan wächst ein Wunsch – sie möchte gemeinsam mit iranischen und deutschen Tänzern eine Ausdrucksform finden, diese  Situation körperlich auf der Bühne auszudrücken.“
Vor Ort entstehen kleine Video-Sequenzen, heimlich auf Dächern gedreht und über Improvisationen erarbeitet. Die Freude an der Arbeit ist von Furcht und Unsicherheit durchdrungen. „Nur nicht auffliegen!“  
Geübt wird auch über Skype. „Mir war immer ein Austausch sehr wichtig“, so die Choreografin.  Ein Tanzprojekt lebt von gegenseitigen Inspirationen. „Also haben wir uns vor dem Rechner getroffen und Bewegungen ausgetauscht, über tausende Kilometer hinweg. Wir haben das Skypedance genannt. Manchmal brach das Internet zusammen oder die Übertragung kam zeitverzerrt. Mit all den Unwegbarkeiten haben wir uns künstlerisch auseinandergesetzt. Es gehört zu Don’t move. Den Beteiligten war enorm wichtig, voreinander und miteinander zu tanzen.“ Eine ungewöhnliche Probenarbeit.
Die Projektion wird im Projekt schließlich zum Medium, um Grenzen aufzuheben.  Im Stück performen Berliner Tänzer live, während sie über Videoinstallationen mit Stimmen und Bewegungen der Kollegen in Teheran verbunden sind. Jene auf der Leinwand dürfen selbst nicht auf der Bühne stehen. Und doch wird Kommunikation über Grenzen hinweg möglich. Die Moves der Tänzer und die Eigenarten der Inszenierung lassen den Zuschauer spüren, was es bedeutet, in seinem eigenen Körper eingeengt zu sein und langsam erstickt zu werden. Es ist ein Stück über Schikane, Gefahr und Starre und gleichzeitig eine berührende Hommage an Liebe, Kreativität und Freiheit.
„Viele Tränen sind bei diesem Projekt geflossen“, erzählt mir Modjgan Hashemian. „Es schmerzt sehr, das Schicksal all der jungen talentierten Menschen zu sehen, die langsam beginnen, die Hoffnung aufzugeben. Und dennoch gibt es einen Widerstand. All das zu zeigen, ist mir ein großes Anliegen.“
Sarah, eine junge Tänzerin aus Teheran, sagt in einem Interview zu Susanne Vincenz, Dramaturgin und Ko-Produzentin bei „Don’t move“: „Wir brauchen unbedingt eine Tanztherapie für das ganze Land! Im Iran ist der Körper dieses Ding, das du in Kleidung steckst. Der Körper ist wie eingefroren. Und das produziert Engstirnigkeit. Wenn du den Körper befreist, dann befreist du auch das Bewusstsein.“
 „Ich lebe heute bewusster“, sagt mir Modjgan Hashemian. Sie ist gewachsen. Eine Künstlerin, deren Wurzeln eng mit der persischen Kultur verbunden sind und die aus dem Teufelskreis von Moral, Gesetz und politischer Agenda ausbrechen durfte.
 „Ich sehe, was ich für Möglichkeiten habe und die möchte ich ausschöpfen. Ich träume von meiner eigenen Company. Denn ich möchte tanzen, tanzen, tanzen!“

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