Obdachloser Herzöffner

Steffen vor einigen Tagen in Wismar.

Steffen Perniß ist obdachlos. „Auf Platte“, wie er es nennt. Seit über zehn Jahren. Nach Wismar ist der gebürtige Thüringer gekommen, um sich hier das Leben zu nehmen. Schluss. Aus. Ende. Nur noch einmal die Ostsee sehen, denn das war schon als Kind sein Traum.

Wir lernen uns an einem seiner besseren Tage kennen. Die waren in seinem Leben bisher eher dünn gesät. Vor Pfingsten schneidet sich Steffen deshalb die Pulsadern auf. Im Parkhaus vom Spaßbad.

„Als das Blut dann lief…. fand ich alles so verrückt und hab mich gefragt: Was mache ich hier eigentlich?!“ Während Steffen mir das bei unserer ersten Begegnung erzählt, kriecht mein kritischer Blick automatisch unter die Ärmel seiner sandfarbenen Jacke. Fündig bleibt er an seinem linken Handgelenk hängen. Stimmt. Eine weiße Mullbinde. Manchmal nervt dieser Anteil in mir, der zunächst alles in Frage stellt. Was habe ich denn gedacht? Dass dieser Mann Unsinn erzählt? Ich erinnere mich, wie seine Hand mit dem Verband nach einem weinroten Stoffbeutel greift. „Cooles Teil“, wundert es sich in mir. Dieses „es“ meint tatsächlich den Beutel. Ein Obdachloser mit einem sauberen, noch dazu coolen Stoffbeutel irritiert offensichtlich mein inneres Bild. Hat was von overdressed. „Nicht zu fassen“, geht es mir seinerzeit durch den Kopf. „Was für völlig idiotische Gedanken. Jetzt reiß dich mal zusammen, Ina!“

Von vorn. Elke, unsere Redaktions-Sekretärin, bringt letzte Woche einen Besucher mit prallen Taschen und eingerollter Schlafmatte an meinen Schreibtisch. „Das ist Herr Perniß“, stellt sie ihn vor – einen Zettel mit Notizen in der Hand, von dem sie abliest. „Herr Perniß ist seit dem 11.5. in Wismar, obdachlos, hat einen Suizidversuch hinter sich und möchte sich jetzt beim Sozialarbeiter vom Krankenhaus, der Diakonie und dem Jobcenter bedanken, die ihm sehr geholfen haben.“ Nach dieser ungewöhnlichen Bekanntmachung verlässt Elke den Raum und ich sitze das erste Mal in meinem Leben einem Obdachlosen ganz nah gegenüber.

„Ja, ich möchte mich bedanken“, sagt der. „Ich habe so etwas wie hier noch nie erlebt.“ Aus eben jenem farbigen Beutel zieht er jetzt einen dicken Hefter mit vielen Formularen und Zetteln, sorgfältig in Klarsichtfolien verpackt. Er suche nach einem Namen von der Frau im Jobcenter. Die sei sehr hilfsbereit – will ihm eine Wohnung und einen Ein-Euro-Job besorgen. Er blättert in Stapeln von Papieren, findet den Namen aber nicht.

Nein, er stinkt nicht. Meine Nase hat längst recherchiert. Was rüberweht, erinnert mich eher an jenen seltsamen Geruch von „Morgens-nach-der-Party“. Kalter Rauch, ja. Und Alkohol? Jjjein. Ich bin nicht sicher.

Mir fallen seine blauen Augen auf. Steffen erzählt. Vieles geht zunächst durcheinander. Oder passiert das in meinem eigenen Kopf?

Vor ein paar Wochen war er in Halle. Nachts dann vier Typen. Steffen kam nicht schnell genug aus seinem Schlafsack. Sie haben unerbittlich zugetreten. Eine Rippe bricht. Doch am schlimmsten es es am Kopf. Furchtbare Tritte haben sein Auge erwischt. „Die Rippen, blaue Flecken – alles egal. Ich hatte nur Angst, dass ich nie wieder sehen kann“, erzählt er.
Hornhaut gerissen, diagnosztiziert ein Arzt im Krankenhaus. Operation, Augenklappe und dann nichts wie weg.

Steffen ist „Alleingänger“. Er hat niemanden, fühlt sich nirgens zugehörig. Das war mal anders. Damals in Nürnberg, vor acht Jahren. Da hatte er Annette. Sie wohnten zusammen im Obdach, hatten sich zuvor in Dessau kennengelernt. „Eines nachts wache ich auf“, erzählt Steffen. „Annette lag nicht neben mir. Ich bin um die Ecke, hab geschaut – da hing sie dann in der Küche.“
„Mit einem stumpfen Brotmesser hab ich sie losgeschnitten“, taucht Steffen in die Vergangenheit ab. Seine Stimme verändert sich. Wird dünner. „Irgendwie hab ich’s geschafft“, erinnert er sich. „Ich war wie von Sinnen, hab es mit Mund-zu-Mund-Beatmung versucht. Doch zu spät. Sie war schon tot.“

Steffen säuft sich ins Koma.  „Was dann kam, war nicht Abstieg, sondern freier Fall“, sagt er. „Ich bin von Stadt zu Stadt gezogen.“
Rastlos. Betrunken. Allein.

Ich höre ihm zu, fast bewegungslos. Ich weiß nicht, was ich sagen oder fragen soll. Immer wieder muss ich auf seine Hände schauen. Die sind leicht gebräunt, ganz glatt und schön. Ist mir sofort aufgefallen. Seltsam. So vieles an ihm bricht das übliche Bild.
Was für ein Bild eigentlich?
Innerlich spüre ich einen Strom von Tränen, der mir bis zu Hals steigt. Keine Ahnung, was ich in dem Moment fühle?
Doch. Traurigkeit.

Was Steffen wohl fühlt?
Irgendwie wage ich es nicht, diese Frage direkt zu stellen. Habe ich Angst vor seiner Antwort?

Steffen ist 43. Ein Jahr jünger als ich. Er hat Koch gelernt, sagt er, weil er das immer irgendwie mochte. Mechaniker ist er auch. Ich staune. Zwei Berufe. „Warum lebst du auf der Straße?“, frage ich ihn. Er bewegt sich auf seinem Stuhl hin und her.  „Die haben damals nicht bezahlt“, sagt er. „Ich habe gearbeitet und sie haben nicht bezahlt.“ Nachdem ich die Frage gestellt habe, spüre ich, dass sie mehr schwer als wirklich wesentlich ist. Gott im Himmel, mir fallen irgendwie nur doofe Fragen ein, schelte ich mich innerlich. Mein Kopf ist wie leergefegt.

Ob er überhaupt noch richtig und gut schlafen könne, nachdem sie ihn in Halle so verprügelt haben, will ich als nächstes wissen. Er schaut mich an. Diesmal wie ein Meister. Und antwortet: „Schlafen? Ich habe seit acht Jahren nicht mehr geschlafen. Auf der Straße geht das nicht. Da bist du immer irgendwie unter Strom. Es ist kalt, nass, gefährlich.“

An diesem Punkt wendet sich in mir ein Blatt. Ich kann es nicht erklären. Es passiert einfach. Demut, Respekt, Würde…  All das fließt plötzlich. Ich spüre es und möchte diesen Fremden gern umarmen. Nicht aus Mitleid, sondern weil es sich gut und richtig und stimmig anfühlt.
Ich bin feige.
Rege mich nicht.
Höre weiter einfach nur zu.

Nach Wismar kommt Steffen, weil er sterben und leben will.
„Wenn du da ganz unten bist… wirklich ganz unten… direkt an der Grenze zum Freitod, dann ist es schwer, dich wieder aufzurappeln. Ohne Hilfe schaffst du es einfach nicht. Unmöglich.“

Im Obdachlosenheim am Haffeld ist kein Zimmer frei. Aussichtslos. Das Amt will ihn deshalb, so ist es üblich, zunächst in den „Schläferbereich“ stecken. Versiffte Matten, große Räume. „Ohne mich. Das ist unwürdig.“, sagt Steffen. „Dann lieber Voll-Platte.“
Er entdeckt das Parkhaus an der Kuhweide.

Auch am Hafen hat er etwas Glück. Manchmal abends bekommt er dort von den Kuttern eine Tüte Fischbrötchen. Gute Reste. Einmal sogar einen heißen Kaffee. Umsonst. „Betteln ist nicht leicht“, sagt er. „Die Scham ist groß. Anfangs ist es besonders schwer. Später gewöhnt man sich. Aber oh ja, ich schäme mich noch immer sehr, wenn ich Leute anbetteln muss.“

Pfingsten schlitzt sich Steffen die Pulsadern auf. So hatte er es geplant.
Glück im Unglück. Er schneidet nicht tief genug. Passanten rufen einen Notarztwagen. Steffen kann ein paar Tage in der Klinik bleiben. Warm und trocken. Der Sozialarbeiter im Krankenhaus setzt sofort einige Hebel in Bewegung. Das Netzwerk funktioniert gut. Diakonie und Jobcenter arbeiten Hand in Hand. Steffen nimmt die Hilfe an. Er öffnet die Herzen vieler Menschen in Ämtern und Einrichtungen. Ja, irgendwie geschieht das. In seiner Gegenwart klopft das eigene Herz spürbarer.

Ob er denn nun schon die Ostsee gesehen hätte, frage ich ihn zum Schluss. „Nee, nicht so wirklich“, lautet die Antwort. Er wäre halt nur am Hafen gewesen.
„Dann fahren wir da zusammen hin“, schlage ich ihm vor. „Hast du ein Handy“, frage ich unüberlegt. „Wir müssen beide lachen.“ Natürlich nicht. Kein fester Wohnsitz, kein Handy. Ist eben eine völlig neue Erfahrung auch für mich: Wie verabrede ich mich mit einem Obdachlosen?
„Frag meine Fallmanagerin“, sagt Steffen. „Die weiß, wo ich wann stecke.“

Dann der Abschied. Ich bin etwas unsicher, krame in meinem Portemonnaie. Mist, nur noch acht Euro. Mir ist das peinlich. Die strecke ich ihm entgegen. Eine skurrile Situation.
„Das kann ich nicht annehmen“, wehrt Steffen entsetzt ab. Wir stehen uns jetzt gegenüber.
„Wieso nicht?“, frage ich zurück. „Das ist gegen den Codex. Solange noch Essen an Bord ist, nehme ich kein Geld. Ich hab noch ein halbes Hähnchen in der Tasche.“
„Was für ein doofer Codex“, platze ich raus. „Gut. Dann isst du das Hähnchen eben gleich, ich warte… und dann nimmst du das Geld.“ Er lacht. Ich auch. Und dann breitet Steffen spontan seine Arme aus. „Ok. Dann eben so….“, sagt er.
Und ich bekomme meine Umarmung. Die schönste seit langem.
Von einer mutigen tapferen Seele.
Einem besonderen Menschen.
Danke, Steffen!

8 Gedanken zu „Obdachloser Herzöffner

  1. Gunnar LATTERMANN sagt:

    Ich habe nicht gewusst das es mit Steffen so bergab ging! Ich kenne ihn durch eine Umschulungsmaßnahme.
    Wenn ich was für dich tun kann, melde dich bitte bei mir.
    Gruß Gunnar

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